Die Buchhandlung mit den velen guten Seiten und dem blauen Pelztier

Doris Höreth

Mein Tipp im April 2018:

Hans Pleschinski, Wiesenstein. C. H. Beck Verlag, 24 €

Dresden, Februar 1945: Nach der legendären Bombennacht verlässt der bald 83jährige, schwerkranke Gerhart Hauptmann mit Frau Margarete das Krankenbett im Dresdner Sanatorium, um seine letzten Monate im Jugendstilschloss Wiesenstein im Riesengebirge zu verbringen. An seiner Seite befinden sich neben der Sekretärin auch sein persönlicher Masseur und Krankenpfleger, sogar einen Chauffeur hat man aufgetrieben im kriegszerstörten Deutschland. Im schlesischen Zuhause warten Gärtner, Köchin, Archivar und weitere Bedienstete auf die Ankommenden. Ein hochherrschaftliches Leben, trotz des Kriegstrubels,  trotz Flucht, Elend und Zerstörung außerhalb seiner Burg.

In dem von Pleschinski teils erzählten, teils dokumentierenden Roman, der gespickt ist mit Quellen und Zitaten aus Hauptmanns Werken, Tagebuchnotitzen Margaretes und Aussagen seiner illustren Freunde und Besucher, erfährt man von der untergegangenen Welt eines wahren Nationaldichters. Hauptmann, der in seinen späteren Jahren oft mühsam mit Worten ringt, ist um so wortgewaltiger in seinen Werken - ein Fürsprecher des kleinen und armen Mannes, einer, der sich in Verrückte hineindenkt und düstere Geistermärchen schreibt, ein Lebemensch voller Widersprüche. Nach Beendigung dieser kurzweiligen Lektüre hat man Lust, das Werk des Literaturnobelpreisträgers (1912) neu zu entdecken.

"Wiesenstein war ein Kulturzentrum ersten Ranges in ganz Deutschland. Alle Berühmtheiten waren da: Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, die Schauspieler Heinrich George ......(..) Er war berühmter und viel reicher als Thomas Mann (...) Ein gigantisches Schriftstellerleben", schwärmt Pleschinski.

 

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Mein Tipp im März 2018:

Janet Lewis, "Die Frau die liebte" erscheint bei dtv im März 18

Artigues, 1539: In einem kleinen Dorf nahe der Cote dÀzur wird Hochzeit gefeiert: Bertrande de Rois und Martin Guerre, beide 11 Jahre alt, beide Kinder reicher Bauern aus der Gascogne, besiegeln mit ihrem Eheversprechen die Macht und Reichtümer zweier einflussreicher Familien. Drei Jahre später zieht die junge Braut tatsächlich in ihr neues Heim und übernimmt, wohlwollend aufgenommen, die Rolle als Frau und Schwiegertochter. Mit der Zeit öffnet sie ihr Herz für ihren grobschlächtigen Ehemann, findet Freude an ihrem Tun und auch an ihrer ihr zugewiesenen Rolle. Die Kirche und der übermächtige Schwiegervater bestimmen die Regeln im Haus und ihre Zuversicht schwindet erst, als ihr junger Ehemann sich gegen den Vater auflehnt. Trotzig verlässt er seine Familie, um in den Krieg zu ziehen, von Bertrande vermisst und sehnsüchtig zurückerwartet.

Viele Jahre später kehrt der Mann zurück aus seinen Hof und wird  vom Gesinde, Familie und Ehefrau mit offenen Armen als neuer Gutsherr begrüßt. Doch Bertrande hat Zweifel. Bei  aller Leidenschaft und Liebe, mit der sie für den Heimkehrer entflammt, kann sie ihren alten Mann nicht in ihm finden.

dtv hat uns mit der Neuveröffentlichung des Romans, der erstmals 1941 von der Stanford Absolventin Janet Lewis veröffentlicht wurde, ein weiteres literarisches Kleinod geschenkt.: Nach den Romanen von John Williams eine echte Entdeckung und ein großes Lesevergnügen!

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Mein Tipp im Februar 2018:

Elena Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes. Suhrkamp Verlag, 25 €

Geschafft! Endlich mal wieder eine Nacht durchgelesen! Das Ferrante Fieber hatte mich abermals gepackt und natürlich werde ich hier nicht verraten, wie die Geschichte ausgeht:

Der vierte und letzte Band der Ferrante Saga, die im Neapel der Nachkriegszeit begann, startet in den 80er Jahren und endet in Italien Anfang des 21. Jahrhunderts. Hauptpersonen sind die beiden Freundinnen Elena Greco (genannt Lenu) und Raffaela Cerullo (Lila). Ich habe mich geärgert über die Beiden, den Kopf geschüttelt, gebangt, gelitten, Abstand genommen, mich tief in sie hineinversetzen können ... Ich habe in Lenus Beziehung zu ihrer Freundin Lila immer wieder die starke Spiegelung der beiden starken, schwachen Frauen gesehen, die so vielen Gegebenheiten und Grausamkeiten ausgeliefert waren, die sie bei aller Vernunft, Stärke und Klugheit nicht beeinflussen konnten. Beide Frauen glaubten einmal an die Kraft der Bildung, der Wörter, der Bücher und beide kapitulierten immer wieder vor der Roheit ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft, vor den Intrigen und Gemeinheiten der Männer und nicht zuletzt vor sich selbst. 

Gute Unterhaltung, alle vier Bände sind unbedingt lesenswert!

 

 

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Mein Tipp im Dezember 2017:

Kenneth Grahame/Sebastian Meschenmoser, Der Wind in den Weiden. Nord Süd Verlag, 25 €

Der bekannte Kinderbuchklassiker, erstmalig 1908 in England verlegt, inspirierte zahlreiche Kinderbuchautoren (u. a. Andreas Schmachtl, Janosch, Arnold Lobel, Ingo Siegner) zu ihren Werken. Der scheue Maulwurf, die lebenstüchtige Wasserratte und der liebenswerte, aber etwas aufgeblasene Kröterich führen ein beschauliches Leben am Fluss und erleben zahlreiche Abenteuer. Kröte gerät, nicht zuletzt wegen seiner Prunksucht und seiner Leidenschaft für schnelle Motoren, in zahlreiche Schwierigkeiten, aus denen die Freunde ihn nur manchmal wieder befreien können. Trotz ihrer Macken und Schrulligkeiten gelingt es ihnen immer wieder,zusammenzuhalten und gemeinsam eine prima Zeit zu verleben. Diese Idylle, niemals vermenschlicht, wird verstärkt durch wunderbare Landschaftsbeschreibungen.

Dieser bei Nord Süd neu erschienene, in dunkelblaues Leinen gebundene Prachtband, illustriert von Sebastian Meschenmoser, inspirierte mich, endlich eine Bildungslücke zu schließen und ich verbrachte lesend eine wunderbar idyllische Zeit an einem Fluss in England mit herrlich sympathischen Figuren. Mit viel Glück erleben wir im Februar 2018 eine kleine Ausstellung mit Druckgrafiken des vielfach ausgezeichneten Künstlers Sebastian Meschenmoser in unserer Buchhandlung.

 

 

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Mein Tipp im November 2017:

 

Andreas Steinhöfel, Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch.  Carlsen Verlag, 14,99 €

Der 4. Band der Krimireihe vom tiefbegabten Rico und seinem Schlaumeier-Kumpel Oskar spielt an einem einzigen Tag, und zwar am 24. Dezember, natürlich in Berlin.

Rico und Oscar haben es geschafft: Oskars Papa ist mit ihm in Ricos Haus in der Tiefenbachstraße in Kreuzberg eingezogen,  Ricos Mama ist schwanger vom Polizisten, alles scheint soweit wunderbar in Ordnung zu sein und die beiden bereiten sich auf ein friedliches Weihnachtsfest in der "Tiefe" vor. Während Rico und Oskar in der Stadt noch kurz vor der Weihnachtsbescherung etwas erledigen müssen, verwüstet ein wilder Schneesturm ganz Berlin, die Straßen werden unpassierbar und die Häuser schneien ein. Während Rico auf Oskar warten muss, erzählt er vom Sommer, als Oskar im Urlaub war und er zum ersten Mal im Leben echte Freunde im Kiez kennenlernte und warum diese Freundschaft so komplett schieflief. Aber der Tag ist ja noch nicht zu Ende, Weihnachten steht vor der Tür und in der "Tiefe" läuft wieder mal alles vollkommen unplanmäßig, dafür aber um so wunderbarer ab. Mein Lieblingstitel in diesem Weihnachtsgeschäft!

 

 

 

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Mein Tipp im September 2017: 

Rafik Schami, Sami und der Wunsch nach Freiheit. Beltz Verlag, 17,95 €

30 Jahre nach „Eine Hand voller Sterne“ erscheint eine neue Geschichte über einen Jungen aus Damaskus. Sie spielt in den Jahren 2011-16, wo der Aufstand gegen Diktatur bei der Jugend von Dara beginnt.

Sami wächst Tür an Tür mit seinem besten Freund und „Zwillingsbruder“ Scharif in Damaskus auf. Gemeinsam machen die Jungs die Stadt unsicher. Sami ist ein Schelm und Herzensbrecher, die Narben, die zu seinem Spitznamen „Narben-Sami“  führen, erzählen von seinen zahlreichen Abenteuern. Die Welt der Erwachsenen ist voller Willkür und Gewalt, und die Schule überstehen die beiden Freunde nur durch List und Tücke.  Zum Glück gibt es den weisen Postboten Elias, den Beschützer der beiden Freunde, und zwei wundervolle Mütter. Dann kommt die Revolution, und die beiden freiheitsliebenden Jugendlichen schließen sich dem Aufstand an. Bald müssen sie abtauchen und schließlich fliehen. Seitdem hat sich die Spur von Sami verloren.

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Mein Tipp im August 2017:

Mareike Krügel, Sieh mich an. Piper Verlag, 20 €

Es wäre ein ganz normaler Tag im Leben der Musikerin Katharina,  gefüllt mit den täglichen Aufgaben einer berufstätigen Mutter Anfang Vierzig, die sich zwischen Schule,  Arbeit, Haushalt und Nachbarschaftspflichten  aufreibt – wenn da nicht ein Knoten in ihrer Brust wäre,  der sie innehalten lässt und reflektieren über ein Leben, dass auch anders hätte laufen können.  Sie beschließt, ein Wochenende lang so zu tun, als gäbe es diesen Knoten nicht, und sich erst am darauf folgenden Montag einer Diagnose zu stellen.

Wenn das Buch nicht so lakonisch und witzig geschrieben wäre! Wenn wir uns nicht in diesen unglaublichen Geschichten des alltäglichen Chaos einer Frau wiederfinden würden, die ihre Dissertation und ein Leben als Berufsmusikerin zugunsten einer Teilzeitstelle in der Musikalischen Früherziehung eines Kindergartens aufgab! Wie hat es die Schriftstellerin geschafft, dass sich völlig unterschiedliche Frauen mit völlig abweichenden Lebensentwürfen mit ihr identifizieren und solidarisieren? Unseren Frauen von der Buchhandlung Pelzner hat das Buch so gut gefallen, dass wir die Autorin zur Lesung eingeladen haben. Sie kommt am 15.11.17 zu uns! (Mehr unter der Rubrik: Aktuelles!)

 

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Mein Tipp im Juli 2017:

Olga Grjasnowa, Gott ist nicht schüchtern. Aufbau Verlag, 22 €

Zwei junge Menschen treffen sich zufällig zweimal in ihrem Leben: Im Sommer 2012 in einer Wohnung in Damaskus und ein paar Jahre später auf den Straßen von Berlin. Beide sind jung, begabt und reich. Hammoudi hat soeben sein Medizinstudium in Paris abgeschlossen und einen Arbeitsvertrag bei einer renommierten Pariser Fachklinik in der Tasche. Amal kommt aus einer privilegierten syrischen Familie, genießt alle persönlichen Freiheiten und feiert ihre ersten Erfolge als Schauspielerin.

Der Zufall spielt in diesem Buch eine große Rolle – zufällig kommt Hammoudi nach Hause, nur fünf Tage will er bleiben, um seinen syrischen Pass zu verlängern – und wird von der Militärregierung nicht mehr aus dem Land gelassen. Er erfährt am eigenen Leib, was Willkür und Intrige bedeuten. Seine Familie wird auseinandergerissen und muss fliehen, sein kleiner Bruder schließt sich den Revolutionären im Untergrund an.  Weil er als Chirurg nicht mehr arbeiten darf, wird er schließlich einer der wenigen Rettungsengel in Damaskus, die sich im Untergrund den Kriegs- und Folteropfern widmen und sie notdürftig verarzten.

Amal fühlt sich bei der zufälligen Teilnahme an ihrer ersten Demonstration in Damaskus zum ersten Mal im Leben lebendig – endlich fühlt sich etwas richtig an. Kurz darauf bricht ihr Leben zusammen. Sie erfährt nicht nur auf schmerzhafte Weise von den Lügen, die ihre Familie tragen, sondern auch, was Folter und Isolation mit einem Menschen machen können. Trotzdem gibt sie nicht auf, versucht mit einem Freund zu fliehen und in Europa ein neues Leben zu beginnen. Gemeinsam retten sie sogar ein Baby, das sie als ihr eigenes Kind ausgeben und das zumindest für Amal so etwas wie ein Rettungsanker sein wird.

Die Geschichten von Hammoudi und Amal sind traurig, und es gibt wahrscheinlich Tausende ähnliche Lebensgeschichten. Olga Grjasnowa, der wunderbaren jungen Autorin, die mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ für ausgezeichnete Feuilletons sorgte, ist es gelungen, diese Geschichten so zu erzählen, dass sie im Gedächtnis bleiben. Der Leser erkennt, dass viele unterschiedliche Welten gibt  und dass es sich lohnt, diese kennen zu lernen.  Unglücklich machte mich die Erkenntnis, dass junge Muslime  heute keine wirkliche Chance haben. Am Beispiel von Amals Freund Youssef und Hammoudis kleinen Bruder wird klar, was Gewalt und Unterdrückung mit Menschen machen und wie sich ihr Denken dadurch verändert.  (Einen sehr  guten Zeitungsartikel dazu las ich in der SZ Wochenendbeilage vom 2./3. Juli).

Ich empfehle dieses Buch jedem.

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Mein Tipp im Mai 2017:

Julie von Kessel, Altenstein.

Kindler Verlag, 19,95

Die Geschichte von einer alten Adelsfamilie, die an ihren Erbe fast zerbricht.

Gräfin Agnes von Kolberg gelingt es,  nachdem beide Güter in Ostpreußen verloren und ihr Mann gefallen ist, alle zehn Kinder in den Westen zu bringen. Im Nachkriegsdeutschland, unter ärmlichen Verhältnissen, baut sich die Familie ein bürgerliches Leben in Bonn auf. Die jüngeren Kinder kreisen um die selbstherrliche, sehr dominante Mutter, die niemals ihren Adelstitel aufgibt und dies auch von ihren Kindern verlangt.

Zwischen den Geschwistern herrscht eine tiefe Verbundenheit, bis der Konni, der jüngste, nach der Wende die Chance wittert, das Gut Altenstein in die Familie zurückzuholen. Dies wirft gesellschaftliche, ethische und pragmatische Fragen auf. Konni, der sich von seiner Mutter täglich die Frage gefallen lassen musste „Und was hast du heute für deine Unsterblichkeit getan?“, verfügt weder über die finanziellen Mittel noch über das Rückrat, den Rückkauf des Gutes in die Hand zu nehmen und leiht sich Geld von seiner älteren Schwester. Dies führt zum erbitterten Streit und Zerwürfnis der ehemals verschworenen Gemeinschaft der Geschwister.

Das Buch liest sich leicht und ist oftmals wirklich witzig geschrieben. Ein netter Schmöker für ein verregnetes Wochenende, der einen kleinen Ausschnitt aus der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte zeigt.

 

 

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Mein Tipp im April 2017:

Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol.

Rowohlt Verlag, 19,95 €

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth  als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter in einem Lager für Displaced Persons geboren, wuchs später in Siedlungen für ungewollte Osteuropäer in Langwasser und Forchheim auf und kam nach dem Selbstmord ihrer Mutter mit elf Jahren in ein katholisches Mädchenheim. Über ihre Kindheit in Franken  erschien bereits 1983 das Buch „Die gläserne Stadt“.  Sie war mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig verheitratet, der 2007 starb.  Das literarische Werk Natascha Wodins wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, für „Sie kam aus Mariopol“ erhielt sie kürzlich den Leipziger Literaturpreis.

"Sie kam aus Mariupol“ ist eine Spurensuche nach der Herkunft und Identität ihrer Mutter. Wodin besitzt von ihr nur wenige Fotografien, sie weiß, dass sie 1920 in Mariupol geboren wurde und von dort aus 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam.

Das Buch besteht aus vier Teilen. Den umfangreichen ersten Teil, der sich teilweise sehr sperrig und mühsam liest, widmet Wodin ihren Recherchen. Über das Ukrainische Internetforum Azov`s Greeks findet die Schriftstellerin Informationen über die Familie ihrer Muttter. Sie erfährt, dass sie mitnichten aus einer einfachen bäuerlichen Familie kommt, sondern aus einer multikulturellen, sehr wohlhabenden und künstlerisch veranlagten Adelsfamilie mit italienischen und deutschen Wurzeln, die dem stalinistischen Terror ausgesetzt ist.

Wodin kommt vor allem der großbürgerlichen Familie ihrer Urgroßeltern sehr nahe, von deren Einkommen ihre Großeltern in der Ukraine leben mussten. Sie findet Dokumente über die Geschwister der Mutter,  Sergej ein Opernsänger und Lidia, die lange in russischer Verbannung war und deren Schicksal das Leben von Mutter und Großmutter nachwirkend bestimmt.

Im zweiten, sehr spannenden Teil des Buches findet sich die Auswertung von Lidias Tagebüchern, die bei der Spurensuche zufällig gefunden und der Schriftstellerin zugeschickt wurden. Man erfährt dort kurz und knapp von den Stationen des Lebens der älteren Schwester der Mutter, das exemplarisch ist für ein Leben der verhassten Weißgardisten in der Ukraine.

Teil drei enthält das Leben und Leid Jewgenias als Zwangsarbeiterin ein einem Deutschen Rüstungsbetrieb (ATG Leipzig / gehört zum Flickkonzern). Dort musste sie unter unmenschlichen Bedingungen Montagearbeiten für Kriegsflugzeuge leisten. Sie ist bereits mit dem Vater Natalias verheiratet, mit dem sie gemeinsam die Heimat in einem deutschen Schiff verließ.  Dieser Teil leistet einen wertvollen Beitrag, um das Leid und Schicksal der osteuropäischen Zwangsarbeiter zu dokumentieren und ihre Lebensumstände offenzulegen (vgl: Propagandaaufruf an die ukrainische Bevölkerung S. 248).

Dass das Leid der Zwangsarbeiter nach dem Krieg noch lange nicht zu Ende ist, zeigt eindrucksvoll der kurze vierte Teil des Buches, in dem die Heimat- und Hoffnungslosigkeit der Familie nach der Befreiung geschildert wird: Hass und Vorurteile schlagen den Heimatlosen, die man nicht  loswird, entgegen. In Russland und der Ukraine gelten sie als Vaterlandsverräter und müssen um ihr Leben fürchten, in Deutschland leben sie als verhasste Parasiten am Rande der Gesellschaft. Nataschas Mutter wird verrückt, immer weniger können ihre Töchter auf sie zählen, immer öfter spricht sie davon, in den Tod zu gehen, bis sie es schließlich wahr macht und in der  Rednitz ertrinkt.

 

 

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Mein Tipp im März 2017:

Mackenzi Lee. Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans.

Königskinder, 19,99 €

Nie war das 18. Jahrhundert heißer: Sir Henry Montague, ein junger englischer Gentleman wird gemeinsam mit seinem besten Freund und seiner eigensinnigen kleinen Schwester auf Cavaliersreise geschickt, um den Kontinent kennenzulernen und dort wertvolle Beziehungen zu knüpfen. Doch gibt es ein abschreckenderes Beispiel für junge Bildungsreisende als Sir Henry Montague? Nackt und auf der Flucht vor gehörnten Geliebten befindet er sich an den unmöglichsten Orten wie etwa in den Gärten von Versailles, betrunken und wütend vor unerwiderter Liebe lässt er die Hosen herunter, mitten auf der Straße. Montys Unbesonnenheit bringt die Reisegruppe ständig in Schwierigkeiten, sodass die jungen Leute schließlich ohne Schutz und finanzielle Mittel sind.

Und doch ist dieses Buch, voll von purem Leben und ungezügelter Leidenschaft, ein Bildungs- und Entwicklungsroman im besten Sinne: Es geht auch um zwei junge Männer von  unterschiedlichem Stand und Hautfarbe, die sich lieben und dies nicht zulassen dürfen. Es  geht um eine junge Frau, die ihre Ansprüche auf Bildung und Unterricht geltend macht und sich schließlich zur Ärztin ausbilden lässt. Alle drei hassen die Pflichten ihres Standes, die Männer befinden sich in ständiger Lebensgefahr und Monty ist  krank vor Angst vor dem strafenden Vater. (Man könnte hier durchaus Parallelen zu meinem Februar-Tipp: "Ein wenig Leben" von Hanja Yanagihara finden)

Dieses Buch wegen der Gefahr ständigen Errötens bitte nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln lesen. Ich empfehle es allen jungen Menschen ab 16!

 

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Mein Tipp im Februar 2017:

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Hanser Berlin, 28 €

Die Geschichte erzählt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier außergewöhnlich begabten Männern, die sich als Jugendliche im College kennengelernt und die besten Zeiten ihres Lebens miteinander verbracht haben.  Jude wird  Rechtsanwalt, Willem Schauspieler, Malcolm Architekt und JB Künstler.  Im Vordergrund steht Jude, ein brillanter und hochbegabter Denker, der seine eigene Geschichte vor allen verbirgt und sein Gefühlsleben verschließt.  Jude, aufgrund einer qualvollen Kindheit innerlich zerbrochen, leidet an den Nachwirkungen eines schrecklichen Unfalls und kann seine Leiden nur dadurch kompensieren, dass er sich selbst verletzt.

Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen Willem und Jude, die sich von tiefer Freundschaft in Liebe wandelt. Doch weder Will noch ein Leben in Reichtum und Sicherheit können Jude den Ekel vor sich selbst nehmen.

Dieses Buch muss man schnell lesen – ich habe die knapp tausend Seiten in einer Woche verschlungen – länger hätte ich die Qualen und das Entsetzen einfach nicht ausgehalten. Ich musste auch ständig über dieses Buch reden – über Opfer und Schuld, über Liebe und den Halt, den Familie und Freunde geben können, über Grenzen des Machbaren. Die Lektüre hat mich nachhaltig erschüttert, und ich weiß wirklich nicht, wem ich dieses Buch empfehlen kann – nur eines: Es ist ein unglaublich gutes Buch, todtraurig und wahr. Woher kann sich diese Autorin so gut in die Psyche von Menschen hineinversetzen?

Die Autorin: Hanya Yanagihara
Hanya Yanagihara, 1974 geboren, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie ist Redakteurin beim Stilmagazin T der New York Times. “Ein wenig Leben” gewann den Kirkus Prize und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, des National Book Award und des Baileys Prize. Es ist eines der bestverkauften und meistdiskutierten literarischen Werke der vergangenen Jahre.

 

 

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Mein Tipp für Januar 2017:

Elena Ferrante "Die Geschichte eines neuen Namens" (Suhrkamp Verlag, 25 €)

Das Ferrante-Fieber geht weiter: Am Ende des 1. Bandes erfährt die 16-jährige Lila am Tag ihrer Hochzeit, dass ihr ach so gutmütiger Ehemann Geschäfte mit der Camorra macht und sowohl ihren Namen als auch ihre Loyalität längst für ein paar Schuhe verkauft hat. Wie wird sie damit umgehen?

Nach den Berichten der stets reflektierenden Lenú erweist sich die Rivalin nun auch noch als die bessere Liebende. Sie, die anscheinend immer leichter gelernt hat, lebt sowohl die Abgründe als auch die Höhen der Liebe mit italienischer Grandezza aus – ob mit Sonnenbrille, um die blauen Flecken zu verbergen, oder in perfekt zur Schau getragener Eleganz. So sehr sie die Fäden für ihr Leben (welche auch immer) in den Händen zu halten scheint, ist sie doch den Ränken und der Gewalt einer brutalen Machismo-Gesellschaft gnadenlos ausgeliefert – genau wie Lenú, die niemals ihre Herkunft abstreifen kann, so sehr sie sich auch bemüht, eine mustergültige Studentin zu sein.

Die Freundschaft der  jungen Frauen kommt beinahe zum Erliegen, zu tief sind die Gräben, die sie trennen. Ein gemeinsam verbrachter Sommerurlaub, zu dem auch ein alter Bekannter der beiden stößt, bringt die Konkurrenz der beiden und, zumindest nach Lenús Empfinden, ihre Unterlegenheit gegenüber der leidenschaftlichen Lila offen zutage. Lenú widmet sich dem Lernen, und so gelingt ihr der Absprung von Neapel. In Pisa gelingt es ihr, nicht nur ihre Studien zu beenden, sondern auch,  ihren 1. Roman zu schreiben. Sie erkennt, dass dies niemals ohne die Inspirationen ihrer Freundin möglich gewesen wäre, die sie niemals mehr verlieren will.

Auch der 2. Band endet wieder mit einem Cliffhanger. Mit Sicherheit werde ich die Fortsetzungen, die für Mai und Oktober 2017 angekündigt sind, nicht verpassen. 

 

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Mein 2. Tipp für Januar:

Anne Tyler "Die störrische Braut" (Knaus Verlag, 19,99 €)

Kate Batista ist 29 jahre alt, und seit 15 Jahren ist sie Mädchen für alles im Haus ihres verschrobenen Professorenvaters und ihrer 15-jährigen Prinzessinnenschwester. Kate ist wunderbar frei von sämtlichen Falschheiten und Eitelkeiten, unverblümt sagt sie jedermann, was sie denkt. Ein Verhalten, das unter anderem zum Rausschmiss aus der Universität geführt hatte - eine Tatsache, die Kate nicht etwa bedauert. Seitdem arbeitet sie als Kinderpflegerin im Kindergarten, wo ihr ehrliches Auftreten des öfteren die Elternschaft verärgert, aber auch dies findet sie nicht weiter schlimm. Wenn nicht ihr eigener Vater plötzlich  mit einem unverschämten Anliegen auf sie zuträte:

Kate soll dessen wissenschaftlichen Assistenten heiraten, denn sonst verlöre dieser seine Aufenthaltserlaubnis in Amerika  und das Forschungsprojekt der beiden Wissenschaftler würde in große Gefahr geraten. Mit Erhalt der Greencard könnte die Ehe dann zum Wohle aller wieder geschieden werden.

Anne Tyler hat eine wunderbare Neuinterpretation von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ geschrieben und dabei das Verhältnis zwischen Töchtern, Vätern und Ehemännern auf den Kopf gestellt. Sehr lesenswert und vergnüglich!

 

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Mein Last Minute Tipp im Dezember:

Axel Hacke, die Tage, die ich mit Gott verbrachte. Mit Bildern von Michael Sowa. Kunstmann Verlag, 18 € (oder als Hörbuch für 16,95 €)

Falls Sie gerade nach Gott suchen, er trägt einen alten grauen Mantel und befindet sich momentan in München, und wenn er nicht die beiden steinernen Löwen bei der Feldherrnhalle durch brennende Reifen springen lässt, dann unterhält er sich mit Axel Hacke über den Sinn und Unsinn der Welt und  das große Egal - auch wenn diesem die Antworten des Allmächtigen nicht immer ganz klar sind. Weihnachten ist eben die Zeit der Wunder. Michael Sowa hat jedenfalls kongeniale Bilder zu der versponnenen Geschichte geschaffen, die Bildszene mit Hund und Schlange, die gemeinsam ein Zigarettchen rauchen, ist es alleine wert, das Buch und nicht das Hörbuch zu kaufen, denn auf dem Cover der CD ist nämlich die Schlange nicht drauf! Obwohl Axel Hacke natürlich sehr gut vorliest!

 

 

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Mein Tipp im November: 

 

Jacob Wegelius, Sally Jones. Mord ohne Leiche

Gerstenberg Verlag, 19,95 € ab 9 und für Erwachsene  

Ein Mord ohne Leiche und ein unschuldig Verurteilter – Sally Jones muss die Wahrheit herausfinden! Ein atmos­phärisches, superspannendes Leseabenteuer des mehrfach ausgezeichneten Kinderbuchautors Jakob Wegelius.

Dieser komische Alphonse Morro kam Sally Jones doch gleich so sonderbar vor, als er dem Chief ein Geschäft vorgeschlagen hat. Jetzt ist er tot, und obwohl niemand die Leiche gefunden hat, halten alle ihren Freund Henry für den Mörder. Doch Sally weiß eines ganz sicher: Ihr Chief sitzt unschuldig im Gefängnis, und das muss sie beweisen. Denn nachdem sie als kleines Menschenaffenkind aus dem Urwald entführt wurde und bei den Menschen viel Schlechtes erlebt hat, hat Henry sie gerettet und sie sind zu echten Freunden geworden. Damit beginnt eine packene Reise um die halbe Welt, die Sally von Lissabon über Alexandria und Bombay bis in den Palast des Maharadschas von Bhapur führt.  Ein großartiger Abenteuerroman nicht nur für junge Leser, toll ausgestattet und wunderschön illustriert (das findet auch der BR). Und hier gibt es einen kleinen Film zum Buch!

 

 

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Mein Tipp im Oktober:

Nathan Hill, Geister.  ca 860 S., Piper Verlag. 25 €

 Chicago 2011: 20 Jahre, nachdem seine Mutter ihn verlassen hat, erfährt der 32jährige Literaturprofessor Samuel Anderson, dass diese nach einem vermeintlichen Angriff auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten als Terroristin gilt und seine Hilfe benötigt. Durch verschiedene Sachzwänge, die eng mit seinem eigenen komplizierten Leben verwoben sind, sieht er sich gezwungen, das Rätsel des Verschwindens seiner Mutter zu lösen und ihren Lebensweg zu recherchieren. Somit entsteht ein grausam entlarvendes Bild der amerikanischen Gesellschaft von den 68ern bis zur Bankenkrise und Occupy-Wallstreet Bewegung.

Trotz einiger sprachlicher Mängel am Anfang des Buches (z. B. die Gespräche zwischen Samuel, Bishop und Bethany: So sprechen 10jährige Kinder niemals!) und einiger Längen (z.B. die ausufernden Beschreibungen des Computerspiels „World of Elfscape“) ein lesenswerter Gesellschaftsroman, der beängstigend viele der aktuellen gesellschaftlichen Probleme auf den Punkt bringt.

Der aalglatte Opportunist Guy Periwinkle erinnert an Stephen King’s Clown Pennywise, und eine Laura Pottsdam dürfte doch jedem von uns schon einmal begegnet sein. So beunruhigend und verstörend wie die Geister, die sich durch Fayes Leben und somit durch Nathan Hills Roman ziehen, scheint unsere ganze westlich geprägte Konsumwelt im angehenden 21. Jahrhundert zu sein.

 

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Mein Tipp im September:

Elisabeth Strout, Die Unvollkommenheit der Liebe

Luchterhand Verlag, 18 €

Die Schriftstellerin Lucy Barton erinnert sich an einen monatelangen Krankenhausaufenthalt als junge Mutter, wo sie unverhofft Besuch von ihrer Mutter erhielt, die Jahre zuvor schon jeden Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen hatte. Es wurden längst verdrängte Erinnerungen an ihre Kindheit wach, wo das Lesen zum Rettungsanker in einem furchtbaren Alltag wurde.

 In diesem knappen, psychologisch meisterhaft geschriebenen Text ist kein Wort zu viel, jedes Bild leuchtet. Dies ist ein Buch über die Liebe, die immer nur unvollkommen sein kann, und über die Suche einer Frau nach ihrer eigenen Wahrheit, als Schriftstellerin und als Mensch.

Ein weiteres höchst lesenswertes Buch der Pulitzer Preisträgerin



 

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Mein Tipp im August:

Ewald Arenz, „Herr Müller, die verrückte Katze und Gott“ (Ars vivendi, 19,90 €)

Die Apokalypse naht, denn der Welt ist leider eine Seele verloren gegangen, was rein physikalisch gar nicht möglich sein dürfte. Während Erzengel Jehudi (im Himmel für die Verwaltung verantwortlich) zusammen mit seinem verstoßenen Lieblingsbruder, dem Dämonenfürst Abbadon, versuchen, die abtrünnige Seele des Nürnberger Schauspielers Kurt Müller wieder zu finden, die mittlerweile in einem kleinen Kater reinkarniert ist, öffnen sich bereits die Pforten der Hölle, denn Zerberus, der Höllenhund freut sich schon darauf, Gottes Schöpfung endgültig zu zerstören.

Göttliches Hilfspersonal ist rar, und so müssen auch die beiden ewig zerstrittenen Ex-Dschihadisten, die versehentlich im Himmel einen Kurzschluss auslösten und somit zu ewiger Wanderschaft verdammt wurden, als Weltretter tätig werden – kein allzu schlechter Schachzug gegen die apokalyptischen Reiter, übrigens.

Ich gebe es zu, bei der Lektüre mehrmals lauthals gelacht zu haben – vielleicht nicht ganz im Sinne des Autors: Aber Selbstmord­attentäter, die sich versehentlich gegenseitig  in die Luft jagen, Orte, die mir seit meiner Schulzeit bestens vertraut sind (ja, sogar das gute alte Johannes Scharrer Gymnasium kommt vor) und Dialoge zwischen Engeln, die zwischenzeitlich nicht mehr an Gott glauben und von ihren dämonischen Geschwistern beruhigt werden müssen, finde ich eben lustig! Sicherlich sind viele Stellen in diesem Roman aus politischer oder theologischer Sicht nicht ganz korrekt, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich trefflich streiten.

Ewald Arenz wird seinen neuen Roman im Oktober bei uns vorstellen. Wir laden Sie jetzt schon herzlich zur Lesung ein.

 

 

 

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Mein Tipp im Juli:

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt. Kurzgeschichten. Dtv € 9,90

Es sind existenzielle Situationen, welche den Ausgangspunkt der Kurzgeschichten von Karen Köhler liefern. Da gibt  es zum Beispiel eine todkranke junge Frau, die im Krankenhaus auf den Besuch ihres Freundes wartet. Ein junger Mann ist auf der Flucht vor einem Heiratsantrag. Eine Gestrandete trifft halb verdurstet mitten in der Wüste auf einen Indianer  – und für all diese Menschen findet die Autorin einen ganz besonderen Ton. Die Sprache ist frisch und unmittelbar, empathisch und immer unsentimental. Diese Menschen finden noch im winzigsten Fitzelchen ihres Lebens einen Schimmer.

Besonders beeindruckt hat mich der Abschiedsbrief einer über 70jährigen Einsiedlerin, die mehr als 18 Jahre lang alleine in den Wäldern der Ukraine gelebt hat. Nachdem sie ihr Leben anschaulich geschildert hat, bittet sie den Finder des Briefes, ihre Knochen in das Grab zu betten, das sie bereits neben den Ihrigen vorbereitet hatte. Nach der Lektüre bekommt man das Gefühl, dass sie ein gutes Leben hatte und mit sich selbst im Reinen war.

Ich empfehle die Lektüre allen, die Lust haben, eine interessante neue Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kennen zu lernen.

 

 

 

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Mein Tipp im Mai:

Elke Heidenreich, Alles kein Zufall. Kurze Geschichten. Hanser Verlag, 19,90 €

Ein neues Buch von Elke Heidenreich muss man eigentlich nicht vorstellen. Es wird gekauft und  es landet auf den Bestsellerlisten. Auch ich habe mir das Leseexemplar geschnappt, sobald es auf dem Markt war, das Buch verschlungen, dabei geseufzt, gelacht, mehrmals ungläubig den Kopf geschüttelt. Unglaublich, wie viele Menschen von Elke Heidenreichs Geschichten  in Bann gezogen werden, ihr dabei nahe sind, sie zu kennen glauben.

 

Und dann kam dieses Interview auf der 3. Seite der Süddeutschen Zeitung, eine ganze Seite über diese streitbare, oft unbequeme Frau, die ihre Leser  oft vor den Kopf stößt, verletzt, sich immer wieder von ihnen distanziert, angewidert ist  vor allzu Vertrautem, Vertraulichem. Die Sätze sagt wie diesen: „Ich habe Idioten zum Lesen gebracht“ – und trotzdem so vielen von uns aus dem Herzen spricht. Trotzdem fühlen wir unendliches Mitleid, wenn wir die Geschichte lesen von ihrer Mutter, die das Kind mit der Fischallergie zwingen wollte, den Fisch zu essen.

In wenigen Sätzen gelingt es ihr, eine Familie in all ihren Fassetten zu schildern. Am besten sind diese  knappen Texte, die eine ganze, verzweifelte Kinderwelt enthalten. Sie ist sich treu geblieben. Man kann nicht genug von ihr bekommen. Chapeau!

 

 

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Mein Tipp im April

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, „33 Bogen und ein Teehaus“.

Peter Hammer Verlag, 14,90 €

Die kleine Mehrnousch, Tochter eines Chirurgen, erlebt mit ihren drei Geschwistern eine privilegierte Kindheit in der schönen Stadt Isfahan im Iran der 70er Jahre. Die Familie feiert wie die meisten die Vertreibung des Schahs als freudiges Ereignis - nicht ahnend, dass der neue Machthaber Ayatollah Chomeini in kürzester Zeit eine Willkürherrschaft errichten und sie aller Freiheit berauben wird. Mehrnousch erlebt mit Angst und Wut, wie die Unterdrückung Einzug in alle Lebensbereiche hält. Als ihr 14jähriger Bruder Mehrdad in Gefahr ist, in den Krieg geschickt zu werden, flieht die Familie über Istanbul und Ostberlin nach Westdeutschland. Hier beginnt eine Odyssee durch viele Flüchtlingsheime, ein Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung, bis die Familie in Heidelberg endlich eine neue Heimat findet.

Dieses unglaublich poetische Buch, aus der Perspektive eines neugierigen, liebevoll erzogenen kleinen Mädchens erzählt, hat mein Herz berührt. Die Autorin hat mit ihrer Autobiographie die Lebensumstände und Nöte vieler Flüchtlinge gespiegelt. Ein schmales, sehr aktuelles Buch, das man leicht an einem Nachmittag lesen kann, das aber lange nachwirkt. 

 

 

 

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Mein Tipp im März:

Owen Sheers "I saw a man"

DVA  19,99 €

Ein junger Schriftsteller will nach dem tragischen Tod seiner Frau in London ein neues Leben anfangen. Bald freundet er sich mit seinen Nachbarn an, einer jungen Familie, deren 5. Mitglied er zu werden scheint. Eines Tages betritt er durch die zufällig offen stehende Hintertür das Haus, ohne dass einer seiner Bewohner daheim zu sein scheint. Er sucht nach einem vergessenen Gegenstand und betritt dabei zum 1. Mal den ersten Stock des Gebäudes. Dieses  Eindringen in die Privatsphäre anderer wird zu seinem Schicksal und nichts wird nachher wieder so sein, wie es vorher war.

Bereits nach dem 1. Satz wird man in den Bann der Geschichte gezogen. Obwohl „I saw a man“ definitiv kein Krimi ist (der Verlag spricht zutreffend von einem „psychologischen Gesellschaftsroman“) kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Die einzelnen Personen, Ihre Gedankenströme und ihre oft widersprüchlichen Handlungen werden beleuchtet. Auch die verstorbene Frau des Schriftstellers, die als Journalistin  der  IS auf der Spur war und in Pakistan von einer amerikanischen Drohne getötet wurde, spielt für den Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle.

 Empfehlenswert für alle, die sich gerne mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinandersetzen und dabei gut unterhalten werden wollen.

 

 

 

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Mein Tipp im Februar:

Jim Shepard "Aron und der König der Kinder"

C. H. Beck Verlag, 19,95 €

 Aron wächst als zweiter von vier Söhnen in einer armen jüdischen Familie auf dem Land auf. Sein Vater bezeichnet ihn eine „Katastrophe auf zwei Beinen“, und auch die zahlreichen anderen Namen, die er bekommt, sind nicht gerade schmeichelhaft für ihn. Zur Schule geht er nicht so gerne, denn Freunde findet er dort keine, und auch die Lehrer verzweifeln an ihm, wenn sie ihn nicht gleich verprügeln. Zu Hause bei seiner Mutter hört er zum 1. Mal die Radiosendung „Der alte Doktor“ mit dem berühmten Dr. Korczak, während er seinen schwerkranken kleinen Bruder hüten muss.

Mitte der 30er Jahre zieht die Familie nach Warschau um, da dem Vater dort ein lukratives Angebot in einer Fabrik gemacht wird. Aron hilft heimlich seiner Mutter, eine Wäscherei aufzubauen, denn in der Schule gefällt es ihm noch immer nicht. Dort trifft er auch seinen 1. Freund, den kleinen Lutek, der ihn gleich unter seine Fittiche nimmt und die interessantesten  Verstecke und Geschäftspartner zeigt. Diese Beziehungen helfen Aron, seine Familie über Wasser zu halten, als der Krieg ausbricht. Die beiden Jungs werden zu gewieften Dieben, Schiebern und Schmugglern, sie gründen eine Bande und nehmen auch Beziehungen auf zu Leuten, die sie besser niemals kennen gelernt hätten.

Der Verlauf der Geschichte und die Berichte über das Warschauer Ghetto sind allgemein bekannt. Aron wird schließlich zum Straßenjungen, der als sich als Waise unter erbärmlichen Bedingungen durchschlagen muss und dabei sogar gezwungen wird, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten. Janusz Korczak begegnet ihm zweimal im Ghetto, bevor er selbst in seinem Waisenhaus landet und den alten Doktor auf zahlreichen Bettelzügen begleitet.

Auch Korczaks Geschichte ist den meisten Menschen geläufig, viele wissen, dass er sich mit seinen Kindern freiwillig nach Treblinka transportieren ließ. Er brachte es nicht über sein Herz, die Waisen im Stich zu lassen, obwohl er einen Passierschein besaß. Die fiktive Geschichte über die Freundschaft zwischen Aron und „dem König der Kinder“ veranschaulicht  auf bisher beispiellose Weise die Abgründe und Zweifel in Korczaks Seele, seine Schwäche und Zerbrochenheit, aber auch seine Menschlichkeit, die auf alle abstrahlte, die sich in seiner Nähe befanden. Es ist gut, dass auch nachfolgende Generationen mit den Gedanken des großen Humanisten und Erziehers vertraut gemacht werden.

 

 

 

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Mein Tipp im Januar 2016:

Catalin Dorian Florescu "Der Mann, der das Glück bringt"

C. H. Beck Verlag, 19,95 €

NY, Anfang des 20. Jahrhunderts.  Die Rumänin Elena kommt nach New York, um die Asche ihrer Mutter endlich zu deren Lebensziel zu bringen, welches diese niemals lebendig erreichen konnte. Während einer dramatischen Nacht trifft sie in einem kleinen Revuetheater in Manhatten auf den erfolglosen Komiker Ray, der immer noch an den großen Durchbruch glaubt. Dieser erzählt ihr die Geschichte seines Großvaters, der sich als Straßenkind durch das New York der frühen 10er und 20er Jahre des letzten Jahrhunderts schlagen musste und in dessen künstlerische Fußstapfen er zu steigen gedenkt. Währenddessen erfährt man auch Elenas Geschichte, die als Fischertochter im Donaudelta aufwuchs.

Ein trauriges, aber sehr poetisches Buch, das aber wie auch "Jakob beschließt zu lieben" bei aller Tragik viele komische Momente aufweist und von der Kraft des Menschen zeugt, sein Glück zu suchen und zu überleben.

Unser Lesekreis wird im Mai das Buch "Jakob beschließt du lieben" lesen, dieses Buch gibt es auch als dtv-Taschenbuch.

 

 

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Mein Tipp im November 2015:

Zeruya Shalev "Schmerz"

Berlin Verlag, 24 €

Vor zehn Jahren wurde Iris bei einem Terroranschlag in Tel Aviv schwer verletzt. Sie hat überlebt, leitet jetzt eine Schule, ihre beiden Kinder sind auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Nach zehn Jahren kommt der Schmerz in einer geballten Ladung zurück,  und mit ihm reißen alte Wunden auf, wird ihr Leben nochmals komplett auf den Kopf gestellt. Sie begegnet in dem Arzt, der ihr Trauma heilen soll, ihre erste große Liebe, den Mann also, der  sie vor so vielen Jahren verlassen hat. Soll sie ihr festgefahrenes Leben hinschmeißen, einen soliden, aber harmlosen Ehemann verlassen, eine leidenschaftslose Beziehung aufgeben? Kann die Liebe alte Wunden heilen?

Zeruya Shalev ist die Chronistin der modernen Paarbeziehung. Analytisch, klar, niemals sympathisch seziert sie die moderne Ehe. Ihre Protagonisten sind nicht nett, doch man kann sich ihnen nicht entziehen. Ihre Sprache kann süchtig machen. Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn es Ihnen zur Zeit nicht gut geht – hier geht es definitiv nicht um Streicheleinheiten für die Seele!

 

 

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Mein Tipp im September 2015:

Alina Bronsky "Baba Dunjas letzte Liebe"

Kiepenheuer & Witsch, 16 €

Am Ende ihres Lebens kehrt Baba Dunja nach Hause zurück. Ihr  Zuhause, das ist Tschernobyl.  Ihre  Tochter lebt  längst in Deutschland, wo sie  als Ärztin  arbeitet, ihre Enkeltochter hat sie noch nie gesehen. Was soll sie noch woanders, wo sie doch ein Haus und einen Garten hat, in dem Gemüse wächst und sogar ein alter, verkrüppelter Hahn geschlachtet werden kann.  Mitten im Niemandsland baut sie mit Gleichgesinnten ein neues Leben auf, das empfindlich gestört wird, als plötzlich jemand eindringt, der dort eigentlich nichts verloren hat.

In der schnörkellosen Sprache einer einfachen, klaren alten Frau schildert Alina Bronsky ein schier unglaubliches Leben. Das nebenbei ein Mord passiert, will der Leser erst gar nicht wahrhaben. Ich persönlich würde von dieser Autorin noch die Telefonbücher lesen,  seit ihrem Debut „Scherbenpark“ bin ich ein erklärter Fan von ihr. "Baba Dunjas letzte Liebe"  stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015.

 

 

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Mein Tipp im August 2015:

David Foenkinos "Charlotte"

DVA, 17,99 €

Berlin in den 1930ern: Bei den Salomons verkehren gefeierte Sänger, Literaten und berühmte Wissenschaftler. Bis die Nazis dem illustren Treiben ein jähes Ende bereiten – und damit auch Charlottes Traum, Künstlerin zu werden. Die Flucht nach Südfrankreich beschert ihr noch etwas Zeit, um zu leben, zu lieben und wie im Rausch zu malen.

Charlottes Geschichte erinnert an die Biographien von  Anne Frank, Janina David und Selma Meerbaum-Eisinger. Eine begabte junge Künstlerin wurde von den Nazis ermordet. Ihre Geschichte ist geschrieben wie ein 200 Seiten langes Epos, Strophe für Strophe kaum auszuhalten, aber wunderschön. Einige ihrer Bilder existieren noch in Museen in Amsterdam und Frankreich, im letzten Jahr wurde ihr Stück „Leben – oder Theater“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. 

 

 

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Mein Tipp im Juli:

Karin Kalisa "Sungs Laden"

C. H. Beck Verlag, 19,95 €

 An einem scheußlichen Dezembertag in einer völlig überfüllten Berliner Grundschule fing das Märchen an, als ein Prenzlauer Schulleiter die „interkulturelle Woche“ ausrief und der kleine Mingh zusammen mit seiner Großmutter in sieben Minuten in der Aula ein Puppentheaterstück aufführen musste. Anschließend waren alle verzaubert von der Anmut dieser kleinen Frau, die normalerweise im Hinterzimmer von Sungs Gemischtwarenladen hinter ihrer Nähmaschine verschwand. Die Geschichte, die sie erzählte, war die einer vietnamesischen Vertragsarbeiterin in der DDR, doch alle sahen nur die schöne Marionette, das elegante Kleid und das bezaubernde Spiel der Vietnamesin. Bereits am nächsten Tag begann sich die kleine Welt rund um Sungs Laden etwas zu ändern und wenn es das Schneeballprinzip nicht gäbe, so wäre es in diesem Buch erfunden worden.

Was allerdings Ho-Chi-Minh, Brücken aus Bambus und Kegelhüte tragende Parkraumwächter mit einem vietnamesischen Wassertheater gemeinsam haben,  müssen Sie schon selbst herausfinden. Ich persönlich war jedenfalls sehr unglücklich, als dieses Buch zu Ende war. Ich gebe es offen zu, ich hatte sogar versucht, die letzten Seiten etwas in die Länge zu ziehen, um noch etwas länger in dieser Geschichte bleiben zu dürfen! Dieses Buch hat mich glücklich gemacht!

 

 

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Mein Tipp im Juni:

Christiane Neudecker "Sommernovelle"

Luchterhand Verlag

Pfingsten 1989: Im Schatten von Waldsterben und sauren Regen, unter der Wolke von Tschernobyl , beschließen zwei 15jährige Mädchen, etwas zu tun. Sie melden sich als Freiwillige in einer bizarren Vogelschutzstation auf Sylt. Gemeinsam fahren sie mit dem Zug an die Nordsee, voller Neugierde, was die kommenden Wochen wohl so bringen würden und stolz darauf, ihre Eltern von der Notwendigkeit ihrer Freiwilligenarbeit überzeugt zu haben.

Was dann kommt, wird für beide unvergesslich bleiben. Ein Frühsommer in der Heide, mit skurrilen, nicht leicht lesbaren Menschen, welche Dinge tun, die wohl etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun haben. Für Panda, die Protagonistin und Erzählerin der Geschichte, werden diese Wochen wohl zukunftsweisend. Sie lernt nicht nur, den Himmel zu lesen, sondern auch, dass Lesen und Schreiben wohl ihre Bestimmung sind.

Dieses Buch hat mich persönlich sehr berührt. In meiner Jugend hatte ich die selben Gedanken wie Panda und Lotte, ich war überzeugt, mit meinem Handeln die Welt ändern zu können und bitter enttäuscht von Erwachsenen, die diese Sicht nicht teilen konnten. Sprachlich virtuos, ist dieses Buch momentan mein Lieblingsbuch!

 

 

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Mein Tipp im Mai:

Jenna Blum "Die uns lieben"

Aufbau Verlag, 19,95 €

Weimar in den 40ern: Die knapp 20jährige Anna, Tochter eines Rechtsanwalts und wackeren Nazis, wird schwanger von Max, einem jüdischen Arzt. Bevor das Paar in den Untergrund oder ins Exil fliehen kann, wird Max vom Vater denunziert. Angewidert verlässt Anna das Elternhaus und kommt bei einer Bäckerin in Stellung, die einerseits das Offizierskasino in Buchenwald mit Brot und Kuchen versorgt, andererseits ihre Kontakte dorthin dazu nützt, die KZ-Insassen illegal mit Brot zu versorgen und deren Nachrichten nach außen zu schmuggeln. Anna macht mit, in der Hoffnung, für den Widerstand benötigt zu werden und ihren Max helfen zu können. Ihr Plan geht nicht auf. Die Bäckerin wird erschossen und Anna wird von einem SS-Offizier beobachtet. In ihrer Not und auch, um ihre mittlerweile 3-jährige Tochter Trudi durchzubringen, lässt sie sich von ihm erpressen und willigt eine Beziehung ein, die ihr viele Privilegien bringt, aber von sexueller Nötigung geprägt ist. Nach der Befreiung Buchenwalds verlässt die immer noch bildschöne Anna, von ihren Nachbarn als Naziflittchen verschrien, am Arm eines US-Soldaten Deutschland, um in Amerika neu anzufangen.

50 Jahre später, kurz nach der Beerdigung ihres Stiefvaters, recherchiert die Tochter, eine Professorin für Geschichte, über die Schicksale der deutschen Frauen während der Nazizeit. Trudis Verhältnis zu ihrer Mutter war Zeit ihres Lebens gespalten und hoch kompliziert, zumal die Mutter verstummte – niemanden schien ihre Geschichte zu interessieren, den Ruf als Nazihure wurde sie auch in Amerika nicht los.

Dieses Buch führte in den USA zwei Jahre lang die Bestsellerlisten an. Auch wer viel über die Zeit des Dritten Reiches gelesen hat, kann aus der Erzählperspektive einer gewöhnlichen, wahrscheinlich unbedeutenden Frau aus dem Volk der Täter einige neue Erkenntnisse gewinnen – und unglaublich traurig dabei werden.

 

 

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Buchtipp im April:

Dörte Hansen "Altes Land"

Knaus Verlag, 19,99

Als das ostpreußische Flüchtlingskind Vera im Jahr 1945 an der Hand ihrer Mutter das alte Gutshaus in der Nähe Hamburgs betritt, ahnt es nicht, dass es dieses Haus noch 60 Jahre später nicht loslassen wird. Als Erbin und  spätere Besitzerin wird Vera von Kamcke  niemals richtig heimisch an diesem Ort, den sie aus gutem Grund verfallen lässt. Bis plötzlich wieder zwei Flüchtlinge vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn, von der Großstadt genervt, vom Liebsten verlassen und bereit für einen neuen Anfang.

Zeitgeschichte wird hier aus ungewöhnlicher Perspektive erzählt: Ein Gutshaus in einem äußerst unwirtlichen kleinen Dorf wird zum Mittelpunkt des Geschehens, und die spröden Protagonisten wachsen dem Leser mehr und mehr ans Herz.  Ein Lieblingsbuch im allerbesten Sinne, temporeich und voller Humor, ohne jemals anbiedernd oder platt zu sein. Für Frauen aller Generationen! Wir waren von dieser neuen Erzählstimme so begeistert, dass wir die Autorin spontan zu uns einluden: Am 17. April um 20 Uhr Lesung in der Buchhandlung Pelzner (siehe auch unter: Aktuelles!)

 

 

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Matthew, Thomas, Wir sind nicht wir.

Berlin Verlag, 24.99

Eileen wächst in den 50er Jahren in einem von irischen Arbeiterfamilien dominierten Viertel in Queens auf. Ihr charismatischer Vater ist der Held ihrer Kindheit, während sie mit ihrer alkoholkranken Mutter viel Ärger und viel Arbeit hat. Eileen ist zielstrebig und klug, es ist klar, dass sie aus ihrem Leben mehr machen möchte als ihre Eltern. Eine kleine Karriere, ein eigenes Haus, eine glückliche Familie, das sollte doch möglich sein? Diese Zukunft scheint vor ihren Füßen zu liegen, als sie den liebenswerten jungen Wissenschaftler Ed Leary trifft und mit ihm eine Familie gründet. Dann bekommt Ed mit 50 die Diagnose Alzheimer.

 Dies ist ein Roman über den amerikanischen Mittelstand, wie man es selten zu lesen bekommt. Obwohl nicht viel passiert, liest sich die Geschichte in einem Atemzug. Ein Auszug aus dem Klappentext fasst zusammen: „Was, wenn Träume in Erfüllung gehen, das Glück sich aber nicht hinzugesellt?“ Sind wir nicht alle ein bisschen Eileen? Ich empfehle das Buch allen, die auch Jonathan Franzens „Korrekturen“ mochten.

 

 

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Klaus Modick, Konzert ohne Dichter.

Kiepenheuer + Witsch, 17,99 €

Aus der Sicht  Heinrich Vogelers wird die Geschichte der Künstlerkolonie Worpswede um 1900 geschildert. Während Heinrich Vogeler von der Öffentlichkeit bejubelt und für sein Meisterwerk "Das Konzert oder Sommenabend auf dem Barkenhoff" ausgezeichnet wird, fühlt er sich privat am Ende: Seine Ehe mit Martha ist gescheitert, seine Freundschaft mit dem einstigen Seelenverwandten Rainer Maria Rilke zerbricht, Rilke verlässt mit Clara Westhoff Worpswede und  damit auch Paula Modersohn-Becker, die er einst liebte.

Klaus Modick, der bereits mehrere ausgezeichnete Künstlerromane verfasst hat, gelingt es sehr gut, die Verstrickungen der Künstler zwischen ihren eigenen Ansprüchen, ihren amourösen Leidenschaften und Dreiecksbeziehungen, aber auch dem Geld und der Macht der Mäzene aufzuzeigen.