Die Buchhandlung mit den velen guten Seiten und dem blauen Pelztier

Ingrid Schlegel

Mein Buchtipp im Oktober 2018:

Jane Gardam „Weit weg von Verona“

Endlich wieder ein Roman der zauberhaften Jane Gardam!

Hauptperson in dieser leichten und frischen Geschichte ist die hinreißende Jessica - mit ihren dreizehn Jahren ein widerspenstiges und radikal denkendes junges Mädchen, dessen Traum es ist, Schriftstellerin zu werden. Sie wächst in den vierziger Jahren in England auf, spricht am liebsten wie Shakespeare in Blankversen und fühlt sich unverstanden und zu Höherem berufen, als in der Dorfschule Regeln zu befolgen.

Jessica liebt den Lesesaal der Bücherei, in den sie jeden Nachmittag geht und verschlingt dort maßlos und begeistert Lesestoff. Sie will alle englischen Klassiker lesen und verzweifelt, weil sie nicht schneller vorankommt: „Wenn Sie ein englischer Klassiker werden möchten, empfiehlt es sich, im vorderen Teil des Alphabets zu stehen. Es gibt jede Menge A und B und D, das geht weiter bis ungefähr H. Dann kommt kaum noch was, bis man zu Leuten wie Richardson, Scott oder Thackeray kommt. Es ist ein bisschen deprimierend, man hat das Gefühl, man kommt gar nicht voran, wenn man nach einem Monat erst bei den Brontes ist und sieht, wie viel Dickens da auf einen zukommt.“

Ich habe das Buch mit viel Vergnügen gelesen und meiner Meinung nach steckt einiges autobiografisches von der mittlerweile 90-jährigen Jane Gardam in Jessica. Lassen Sie sich verzaubern von diesem fabelhaften Mädchen!

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Mein Buchtipp im September 2018:

Yewande Omotoso „Die Frau von nebenan“
€ 18,00 bei List (seit Mai 2018 auch als Taschenbuch bei Ullstein € 11,00)

Dieser Roman ist großartig und hat mich zutiefst berührt!
Erzählt wird die Geschichte einer späten Freundschaft zweier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein können. Der Zufall lässt sie in einer mondänen Einfamilienhaussiedlung für reiche und privilegierte Südafrikaner im Kapstadt der 60er Jahre zu Nachbarinnen werden und von Beginn an pflegen die beiden Frauen eine tiefe Abneigung gegeneinander und duellieren sich mit intelligenten Wortgefechten und kuriosen Beschimpfungen. Denn jede der Beiden sieht ihr Leben und ihre Umgebung extrem anders und hat eine eigene Einstellung zu Apartheid und der Kolonialgeschichte des Landes.
Hortensia – schwarz, kinderlos, bekannte Designerin und scharfzüngige Rednerin, schafft es immer wieder, ihre Nachbarin Marion bloßzustellen. Marion – weiß, erfolgreiche Architektin, Mutter von vier Kindern, übernimmt gern in allerlei Komitees die führende Rolle und hält auch privat stets die Fäden in der Hand und fühlt sich Hortensia überlegen.
Mittlerweile jedoch vereint die Beiden der Zustand, weit über 80 zu sein und den jeweiligen Ehemann bereits begraben zu haben. Und plötzlich wird die seit 50 Jahren währende gegenseitige Schikaniererei durch ein unverhofftes Ereignis unterbrochen.

Yewande Omotoso erzählt mit Witz und Intelligenz aus diesen beiden unterschiedlichen Leben und lässt am Ende die Fäden sich verweben und uns als glücklichen Leser zurück. Unbedingt lesen!

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Mein Buchtipp im Juli 2018

Andrew Sean Greer "Mister Weniger"

Fabelhaft und amüsant! Diese Komödie der Irrungen und Wirrungen und intelligenter Wortspiele hat shakespearhafte Züge und macht enorm viel Vergnügen beim Lesen! Seit Langem wieder einmal ein wirklich guter und geistreicher Unterhaltungsroman, der mich absolut überzeugt hat. Und ich muss gestehen, ich habe jetzt erst im Nachhinein erfahren, dass der Autor für diesen Roman den Pulitzerpreis 2018 erhalten hat - in der Tat sehr verdient!

Arthur Weniger ist auf der Flucht. In Kürze wird er 50 und seit er eine Einladung zur Hochzeit seines geliebten Ex-Freundes bekommen hat, nimmt er jede Gelegenheit wahr, weit weg zu reisen. Außerdem hat der mit Schreibkrisen geschlagene Schriftsteller Arthur Weniger von allem ein bisschen zu wenig... Wo anderen ein dickes Fell gewachsen ist, schmückt ihn bloß die zarte Schale eines Butterkrebses. Um sich nun vor der Hochzeitseinladung seiner Langzeitaffäre Freddy zu drücken, führt der arglose Weniger tapfer sein geschundenes Herz spazieren – New York, Berlin, Mexico City, Kyoto –, Hauptsache weg. Ständig befindet er sich in absurden Situationen wie Preisverleihungen an skurille Schriftsteller oder verpasste Flüge, die zu nächtlichen Partys in Paris führen und stets hofft er verzweifelt, seinen neuen Roman fertigstellen zu können. Zudem begegnet ihm überall die Liebe, doch nirgends läuft sie, wie sie soll. Erst die totale Schieflage rückt wieder alles ins Lot.

Eine wunderbar erfrischende Lektüre!

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Mein Buchtipp im Juni 2018

Virginia Reeves "Ein anderes Leben als dieses" (23,- € / Dumont)

Virginia Reeves erzählt in ihrem Roman sehr berührend und gleichwohl fesselnd von Schuld und Gerechtigkeit im Amerika um 1920 -  und von einer Ehe, die aufs Äüßerste geprüft wird.

Alabama in den Zwanzigerjahren. Roscoe T. Martin ist Mitte dreißig und arbeitet als Elektriker mit großer Leidenschaft. Als seine Frau Marie jedoch die Farm ihres Vaters erbt, sieht er sich gezwungen mit ihr und dem gemeinsamen Sohn aufs Land zu ziehen. Er findet sich in einem Leben wieder, das er so nie gewollt hat.
In der Ehe kriselt es, auch aufgrund wirtschaftlicher Probleme. Um der Farm zu neuem Aufschwung zu verhelfen, zapft Roscoe, unterstützt vom schwarzen Hilfsarbeiter Wilson, staatliche Stromleitungen an. Eine Weile geht alles gut – bis ein Techniker bei einer Routinekontrolle einen tödlichen Stromschlag erleidet. Roscoe wird wegen Mordes und Diebstahls zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, während der schwarze Wilson als Zwangsarbeiter in eine Kohlemine abgeschoben wird. Eine Schuld, die auf Roscoe ebenso lastet wie auf seiner Frau Marie.

Dieser Roman ist gleichzeitig ein intensives Familienporträt, ein Sittengemälde Alabamas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und ein Gefängnisroman, der eindrücklich einen Sozialraum zeigt, in dem sich alle moralischen Regeln verkehren. 

Absolut Lesenswert!

 

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Mein Buchtipp im April 2018

Anne Reinecke "Leinsee" (24,00 € / Diogenes)

Ein wunderbares Debüt um Abnabelung, Liebe und Tod und dazu noch gibt dieser Roman einen erstaunlichen Einblick in die Szene freischaffender Künstler.

Karl ist noch nicht einmal 30 und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, dem Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Doch in der symbiotischen Beziehung seiner Eltern war kein Platz für ein Kind und Karl wurde bereits in jungen Jahren in ein Internat abgeschoben. Nun ist der Vater tot, die Mutter liegt schwerkrank in der Klinik. Karls Kosmos beginnt zu schwanken und steht plötzlich still, als er in die geisterhaft leere Villa der Eltern in Leinsee einzieht und dort mit einer herrlich schnoddrigen Einstellung die "heiligen Hallen" des ach so unantastbaren Künstlerpaares durchstreift. Er vertreibt jeden Eindringling, der sein Zurruhekommen dort stört - allein ein kleines Mädchen, das eines Tages einen Weg durch die dichte Hecke in den Park der Villa findet, lockt ihn mit kindlicher Unbekümmertheit zurück ins Leben.

Es ist besonders der Ton dieses Romans, bei dem man aufhorcht. Anne Reinecke erzählt von großem Glück und großer Trauer, ohne je kitschig zu werden. Ihre Sprache ist frech, aber einfühlsam und mit einem unglaublichen Humor. Ein wirklich guter Unterhaltungsroman!

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Mein Buchtipp im März 2018

Deborah Levy "Heiße Milch" (20,00 € / KiWi)

Diese Geschichte einer fragwürdigen Symbiose hat mich absolut fasziniert!

Eine junge Frau begleitet ihre Mutter nach Spanien, wo diese in einer Spezialklinik behandelt werden soll, da die Beine ihr den Dienst versagen. Doch ist das Leiden der Mutter wirklich physischer Natur oder versucht sie, ihre Tochter an sich zu binden? Und lässt sich die Tochter nur auf diese Abhängigkeit ein, weil sie selbst vor ihrem Leben flieht und die Abnabelung aufgrund zu vieler ungeklärter Fragen nicht vollziehen kann?

Ein beeindruckendes Buch! Nicht nur, weil die Autorin es schafft, so intensiv in die Köpfe ihrer Protagonisten hineinzusehen, sondern weil sie es zudem meisterhaft beherrscht, diese bizarre Geschichte einer gegenseitigen Abhängigkeit in absolut klaren Worten zu schildern und dabei stets eine gute Dosis Witz und Skurrilität einstreut.

 

 

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Mein Buchtipp im Januar 2018:

Nina Lykke „Aufruhr in mittleren Jahren“ 
€ 20,00 € (Nagel&Kimche)

Was für ein Buch! Es trifft den Leser wie ein Stromschlag und die Autorin, die uns vom Klappenfoto so wissend ansieht, scheint zu sagen: "Ich kenne dich!" und beschreibt schonungslos die Irrungen, Wirrungen und Fatalitäten einer langjährigen Ehe und die Zwickmühlen der familiären Verstrickungen.

Erzählt wird die Geschichte einer alltäglichen Ehe. Ingrid und Jan sind seit 25 Jahren verheiratet und führen in Oslo ein Leben in Wohlstand. Ingrid - gefangen in einer Endlosschleife aus Überengagement und totalem Rückzug - sieht zunehmend schwarz für die Zukunft. Die freudlose Ehe frustriert sie, das Engagement ist nur geheuchelt und von den halbwüchsigen Söhnen ist kein Trost, sondern nur Arbeit zu erwarten. Zudem schlittert ihr Ehemann Jan in eine Affäre mit seiner jungen Kollegin Hanne. Das dauert ein Jahr, dann zwingt Hanne den zaudernden Jan, seine Ehefrau endlich zu verlassen. Diese reagiert jedoch gelassen, zieht kurzerhand mit einer Matratze in ihr Auto und fühlt zum ersten Mal seit langem eine tiefe Zufriedenheit.
Nina Lykke erzählt so klar und gnadenlos über unsere alltäglichen Gefühlswirren, dass es gleichsam schmerzt und dennoch guttut zu sehen, wie sich diese zwischenmenschlichen Katastrophen in Normalitäten wandeln. Sie hält uns und unserer Gesellschaft ganz großartig den Spiegel vor und lässt in Abgründe blicken, schafft es jedoch, uns mit ihrem trockenen Humor den Kloß aus dem Hals wieder hinunterschlucken zu lassen. Da die Autorin erfreulicherweise nicht nur tief blicken kann, sondern zugleich witzig und intelligent ist, hat sie hier meiner Meinung nach auch einen wunderbaren Unterhaltungsroman vorgelegt.
Bravo! Eine sagenhaft gute Entdeckung aus Norwegen!

 

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Mein Buchtipp im Dezember 2017:

Juli Zeh „Leere Herzen“
€ 20,00 € (Luchterhand)

Und wieder hat Juli Zeh einen grandiosen Roman vorgelegt! Sie entführt uns diesmal ins Jahr 2025 und schafft es mit phänomenaler Prägnanz eine düstere Zukunftsprognose zu erstellen und uns in einen absolut provokanten und packenden Polit- und Gesellschaftsroman zu verstricken.

„Es gibt tatsächlich immer noch Menschen, die so tun, als könnte man dieser durchgedrehten Welt mit Haltung begegnen.“ So sieht die desillusionierte und pragmatische Britta Söldner das Leben und belächelt großspurig ihre teils noch nostalgisch an der alten Zeit hängenden Freunde. Sie selbst hat es geschafft in dieser neuen Zeit mit einer Geschäftsidee reich zu werden, die auf den ersten Blick wie eine Therapieeinrichtung für Suizidgefährdete scheint, im Grunde aber ein gefährliches Geschäft mit dem Tod ist. Der Erfolg ihres „Geschäftsmodells“ bringt allerdings bald unliebsame Neider auf den Plan und Britta befindet sich alsbald in einer schier ausweglosen Situation.

Leider ist es nur allzu vorstellbar, dass solch Szenario in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich umgesetzt werden könnte und Juli Zeh hat so klug die Fäden durch diese Geschichte gewoben, dass man sich als Leser nie ganz sicher ist, auf welcher Seite man steht.
Da Juli Zeh auch immer ganz wunderbar in Familienverstrickungen eintauchen kann, hat sie hier außerdem noch einen schönen Handlungsstrang um Brittas Familie eingewebt und lässt hier tief in die Abgründe der Gesellschaft blicken.
Absolut lesenswert!

 

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Mein Buchtipp im Oktober 2017:

Marion Poschmann „Die Kieferninseln“
€ 20,00 € (Suhrkamp)

Humorvoll und mit sagenhafter Leichtigkeit erzählt Marion Poschmann von einer ungewöhnlichen Reise zu Japans berühmten Kieferninseln und hat es mit diesem schmalen Buch zurecht auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft. Ihr Roman ist ein wahres Wunderwerk an grotesken Ideen und skurrilen Figuren und steckt zugleich voller Poesie.

Gilbert, Privatdozent und Bartforscher (!) steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem "Complete Manual of Suicide".
Gilbert nimmt sich des jungen Mannes an und die beiden treten die Reise zu den Kieferninseln gemeinsam an.

Marion Poschmanns Sprache ist wunderschön und bildreich und immer wieder hört man die Lyrikerin Poschmann aus dem Text heraus, denn sie lässt die beiden Reisenden oft um die Wette Haikus dichten, findet großartige Bilder für die Landschaftsbeschreibungen und weckt enorme Japansehnsucht.

 

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Mein Buchtipp im September 2017:

Stuart Nadler „Die Unzertrennlichen“
€ 14,99 € (KiWi)

Eine neue junge Stimme reiht sich hier meiner Meinung nach ein in die Liste der großen US-Amerikanischen Erzähler wie Richard Russo, Anne Tyler und Elisabeth Strouth.
Dieser Roman von Stuart Nadler hat mich jedenfalls absolut begeistert, zumal ich diesmal aus Zeitmangel zu ausgiebiger Lektüresuche tatsächlich nur wegen des schönen Covers schnell zu diesem Buch gegriffen und in mein Urlaubsgepäck gesteckt hatte...
Was für ein Glück, dass ich das getan habe! Ein wunderbares Buch hat mich durch meine Urlaubstage begleitet und allerhand Lebensfragen gestellt und geklärt und dabei hat es Nadler mit einer Leichtigkeit geschafft, die Balance zwischen Melancholie und Humor zu halten.

Lassen Sie sich einfangen von diesen drei Frauen, um die sich die Handlungsstränge weben: Großmutter, Tochter und Enkelin – drei Generationen, die recht chaotisch miteinander verstrickt sind.
Großmutter Henrietta hat gerade ihren Mann und fast all ihr Geld verloren, da droht eine weitere Katastrophe: Ihr umstrittenes Buch »Handbuch für Besucher des weiblichen Körpers« soll nach Jahrzehnten wiederaufgelegt werden. Ein Bestseller wider Willen über die Sexualität der Frau sollte ein feministischer Beitrag zum prüden Leben im Amerika der Sechzigerjahre sein, wurde jedoch von der Kritik übel verschmäht und Henrietta schämt sich in Grund und Boden, weil ihr feministischer Kampfruf nach hinten losging. Oona, Henriettas Tochter und Chirurgin, ist gerade wieder zu ihrer Mutter gezogen, nachdem sie sich von ihrem dauerbekifften Mann getrennt und eine Affäre mit dem Paartherapeuten angefangen hat. Oonas 15-jährige Tochter Lydia wiederum wird von der Elite-Schule suspendiert, weil ihr erster „richtiger“ Freund ihr Handy geknackt hat und nun ein Nacktfoto von ihr unfreiwillig die Runde macht.
Nadlers Protagonisten schlittern in genau die widrigen Umstände, die auch uns das Leben zwischen die Füße werfen könnte und es ist eine wahre Freude, diesem Handlungsstrang zu folgen – mit zu Hoffen und zu Bangen, ob sich Liebe und Familie, Wahrheit und Lüge, Ehe und Vertrauen unter einen Hut bringen lässt. Und das alles erzählt Stuart Nadler in einer glasklaren Sprache ohne Schnörkel sehr unterhaltsam und doch mit psychologischer Tiefe.

 

 

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Mein Buchtipp im August 2017:

Jasmina Reza „Babylon“
€ 22,00 € (Hanser)

Wieder einmal blickt Jasmina Reza gnadenlos in die Abgründe des bürgerlichen Alltags.

Wer von „Der Gott des Gemetzels“ bereits begeistert war, wird dieses Buch lieben! Jasmina Reza seziert mit Hingabe die Schattenseiten der gut situierten Mittelschicht und lässt eine harmlose Party in einer absurden Katastrophe eskalieren. Mitunter jedoch ganz leise und unaufgeregt streut sie jede Menge Lebensweisheiten ein - ich habe mir seit langem nicht mehr so viele Zitate aus einem Roman notiert!

Die ein wenig schrullige Ich-Erzählerin Elisabeth grübelt schon lange, ob sie endlich eine Party für Freunde und Nachbarn geben soll und scheitert immer wieder an zu wenig Stühlen und zu vielen Gläsern und der Auswahl der Gästeliste. Doch endlich ist es soweit, die Party nimmt ihren Lauf und die herrlichsten Szenen entwickeln sich zwischen den Gästen. Jasmina Reza beleuchtet hier Geschwister-Konflikte, Kollegen-Dispute und natürlich Ehepaare, die hoffnungslos aneinander vorbeireden und -leben und sich auch wortwörtlich an die Gurgel gehen.
Da die Ich-Erzählerin dies alles jedoch mit einer absolut unaufgeregten und leicht melancholischen Stimme erzählt, ist der Roman im Grunde genommen ein Philosophieren über das Leben und dabei aber so komisch und leicht und ebenso mit bitterbösem Witz, dass es wirklich großen Spaß macht, dieses Buch zu lesen!

 

 

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Mein Buchtipp im Juli:

Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“
€ 20,00 € (Dumont)

Mein Herzbuch dieses Sommers! Mariana Leky erzählt so absolut hinreißend von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben, dass man tatsächlich beim Lesen feuchte Augen bekommt und gleichzeitig immer wieder schmunzeln muss über Lekys feinfühligen Humor, mit dem sie ihre Figuren zeichnet.

Luise wächst Ende der 70er Jahre in einem Dorf im Westerwald auf und da ihre Eltern fast ausschließlich mit sich selbst und der jeweiligen Selbstfindung beschäftigt sind, ist Luise sehr auf ihre Großmutter Selma fixiert – eine wunderbare Figur in diesem Buch: gleichermaßen feinsinnig und pragmatisch, die man von der ersten Seite an bereits ins Herz schließt. Selma begleitet Luise durch so manchen Schicksalsschlag durchs Leben und steht ihr stets mit gutem Rat beiseite, auch als Luise sich mit jeder Faser in einen buddhistischen Mönch verliebt – ein bildschöner junger Mann aus Hessen, der sich jedoch in Japan in ein Kloster zurückzieht. Von solch skurrilen Figuren wimmelt es nur so in diesem Buch: Ein bereits lebenslang unsterblich in Selma verliebter Optiker, ein Vater, der seine Liebe zu seinem Sohn erst nach dessen Tod zeigen kann und ein Psychologe mit knarzender Lederjacke sind nur einige Beispiele...

Ich habe das Buch so langsam wie möglich gelesen, denn ich wollte einfach nicht, dass es aufhört! Und ganz ehrlich - am liebsten würde ich gleich nochmal von vorn beginnen. Lekys Sprache ist so wunderschön und anrührend und sie benutzt so herrlich viele "alte" Worte. Alles - aber auch alles - trifft sie auf den Punkt und die sensible Beschreibung der Dorfbewohner ist großartig und so genau beobachtet - man kennt sie alle ganz genau und lernt sie lieben und verstehen in ihren Eigenarten.

Ich wünsche diesem Roman viele Leser, die sich genauso berühren und verzaubern lassen, wie es mir passiert ist.
Chapeau!

 

 

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Mein Buchtipp im Juni 2017:

Castle Freeman „Auf die sanfte Tour“
€ 19,00 € (Nagel und Kimche)

Ein Buch so cool und voller genialer Dialoge wie ein Film der Coen-Brüder!
Wer also in diesem Sommer wirklich großes, unterhaltsames Kino im Buch erleben/erlesen will – der nehme bitte diesen schmalen Roman zur Hand. Es ist kaum zu glauben, dass Castle Freeman erst jetzt hier in Deutschland entdeckt wird. Sein Roman „Männer mit Erfahrung“ war schon 2016 ein voller Erfolg und nun wurde „Auf die sanfte Tour“ – das Freeman bereits 2009 in den USA veröffentlichte – auch endlich ins Deutsche übersetzt.


Der Plot: ein souveräner, aber eher bedächtiger Sheriff, dessen Credo “Als Sheriff erzwingt man nichts. Man lässt es geschehen“ ist, muss im tiefsten Hinterland von Vermont den Einbruch in die Villa eines millionenschweren, dubiosen Russen aufklären und gerät zwischen die Fronten der Russenmafia und seiner eigenen, sehr pflichtbewussten Deputies.
Dieser Stoff, der wie ein Krimi daherkommt, aber nebenbei ganz sanft allerlei Lebensfragen behandelt – wie Ehe mit Missverständnissen, Freundschaft mit Hindernissen, Ehrgeiz im Job – ist pures Lesevergnügen und absolut intelligente Unterhaltung.
Freeman – ein Meister des Komprimierens – schreibt lakonisch und knapp wie Hemingway, ist jedoch wesentlich bescheidener als dieser und hoffentlich bekommen wir noch weitere solch fabelhafte Romane von ihm zu lesen!

 

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Mein Buchtipp im April:

Claire Fuller „Eine englische Ehe“
€ 22,00 € (Piper)

Was für ein Lesevergnügen! Die bisher in Deutschland unbekannte englische Schriftstellerin Claire Fuller hat eine wirklich schöne, sensible und gleichermaßen melancholische und spannende Geschichte erzählt – und das alles in einer leichten Sprache, die diesen Roman zur perfekten Unterhaltung mit Anspruch macht.

Wir steigen ein in die Geschichte in den frühen 70er Jahren in London, als sich die Studentin Ingrid auf eine Beziehung mit ihrem charismatischen und wesentlich älteren Literaturprofessor Gil Coleman einlässt. Sie ist von ihm so fasziniert, dass sie ohne lange zu überlegen all ihre Lebenspläne über Bord wirft und – schnell schwanger geworden – Gil heiratet und in sein Haus weitab von London an die Küste Englands zieht. Quasi von heute auf morgen ist es für die Zwanzigjährige vorbei mit Hippie-Partys und Reiseplänen nach Indien, stattdessen fristet sie nun meist allein mit ihrem Baby ihre Tage in der Provinz und Gil doziert weiterhin in London, schreibt an einem Roman über das flatterhafte Liebesleben eines Mannes in den mittleren Jahren und recherchiert stets etwas zu genau für sein Buch...
Dies alles erfahren wir aus Briefen, die zwischen die Kapitel eingestreut sind und in denen Ingrid über ihre Gefühle, ihr Leben, ihren Kummer und ihre Liebe erzählt, während es die Autorin schafft, in der Gegenwartsgeschichte eine rätselhafte Spannung aufzubauen, denn Ingrid verschwand in den 90er Jahren spurlos und weder ihre mittlerweile erwachsenen Töchter noch Gil haben eine Ahnung, was passiert ist.

„Wie wir damals waren und wie wir hätten werden können." - so schreibt Ingrid in einem ihrer Briefe, die sie übrigens zwischen den Buchseiten der enormen Bibliothek ihres Mannes versteckte und wir als Leser hoffen inständig, dass Gil diese auch wirklich findet... Ob er dies tut, dürfen Sie herausfinden, wenn Sie dieses schöne Buch hoffentlich bald lesen!

 

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Mein Buchtipp im März:

Eva Menasse „Tiere für Fortgeschrittene“
€ 20,00 € (KiWi)

Wer einmal von kuriosem und absonderlichem Verhalten in der Tierwelt erfahren will, der wird in Eva Menasses neuem Buch fündig! Acht wunderbare Erzählungen hat die Autorin hier geschrieben und jeder stellt sie eine kleine Information zu Merkwürdigkeiten in der Tierwelt voran, die so erstaunlich wie verwirrend sind. Denn wussten Sie zum Beispiel, dass ein Schmetterling auf der Suche nach Wasser sogar die Tränen eines Krokodils trinkt?


Diese kleinen „Tiermeldungen“ dienen jeweils als Einstieg in eine grandios ausgearbeitete und wie immer bei Menasse mit viel Fingerspitzengefühl ausgefeilte Geschichte aus dem Lebensalltag. In vielen Situationen erkennt man sich fast erschrocken wieder und ist zugleich erleichtert, dass letztendlich alle Mitmenschen stets ebenso in vertrackten Alltagssituationen stecken und versuchen, das Leben zu meistern so gut es eben möglich ist.
In den Erzählungen treffen wir zum Beispiel eine Patchworkfamilie bei den Urlaubsvorbereitungen an, wobei Eva Menasse hier sehr in die Gefühlswelt der „angeheirateten neuen Mutter“ schaut und ihren Kampf um eine heile Familienwelt beleuchtet. In einer anderen Geschichte erzählt die Autorin von einem sturen Familienpatriarchen, der mit der Demenz seiner Frau zu kämpfen hat und trotz eigenen körperlichen Schwächen nach wie vor die Fäden in der Hand halten will.
Und letztendlich ist das auch der Tenor dieses fabelhaften Buches: Das menschlich angestrengte Streben, stets alles richtig gemacht zu haben und die Fäden in der Hand halten zu wollen. Eva Menasse hält uns hier großartig den Spiegel vor und schafft es jedoch, uns mit pointiertem Witz den Kloß aus dem Hals wieder hinunterschlucken zu lassen.

 

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Mein Buchtipp im Februar:

Zsuzsa Bánk „Schlafen werden wir später“
€ 24,00 € (S.Fischer)

Zsuzsa Bank schreibt poetisch und lebensklug und trifft – wie immer - mitten ins Herz. Dieser Roman ist ein Meisterstück der Innenbeschau und die Autorin hat hier wieder einmal ihre grandiose Erzählkunst bewiesen. Und vor allem das Talent, uns tief in die Seele zu blicken und dabei noch eine wunderbare Geschichte zu erzählen.

In diesem Buch wird die einzigartige und langjährige Freundschaft zweier gleichgesinnter doch in absolut gegensätzlichen Leben verwurzelten Frauen zelebriert, die – mittlerweile Mitte 40 – ihr Leben beleuchten und sich im Briefwechsel ihre Gedanken, Wünsche, Flüche und Fragen stellen und immer wieder entdecken wir uns als Leser selbst darin wieder, denn auch wenn viele Fragen um das Leben nicht neu sind – die Antworten sind es stets.
Ein Buch, das mich zutiefst berührt hat, denn die Autorin versteht es so klug, zwischen Alltag und Poesie zu jonglieren und trifft damit genau den Nerv einer Generation, in der Frauen jonglieren zwischen Beruf und Familie, zwischen Kunst und Küche und dabei versuchen, sich selbst nicht zu verlieren.

„...Kopf, Herz, Alltag, Vergangenheit, Liebe und Familie, das Innen und Außen, das Schreckliche und das Leuchtende – alles miteinander verbinden....“ So beschreibt Zsuzsa Bánk selbst ihren Roman und treffender kann man dieses wunderbare Buch kaum zusammenfassen.

 

 

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Mein Buchtipp im Januar:

Katja Lange-Müller „Drehtür

19,00 € (Ki&Wi)

 

Katja Lange-Müller – eine Sprachkünstlerin ohnegleichen – nimmt das weitverbreitete Helfersyndrom unter die Lupe und hat mit ihrem Roman einen Volltreffer gelandet! Präzise und gnadenlos beleuchtet sie ein hochaktuelles und existenzielles Thema.

Erzählt wird die Geschichte von Asta, einer Krankenschwester aus Leidenschaft, die am Münchner Flughafen gestrandet ist und nun kettenrauchend ihr Leben Revue passieren lässt. Zuletzt war sie in Nicaragua tätig und nun – soeben wieder in Deutschland gelandet – fällt sie in einen deprimierenden Strudel von Gefühlen. Mit Mitte Sechzig fühlt sie sich ausgemustert und von den Kollegen gemobbt und hat absolut keinen Plan für die Zukunft.

Das mag jetzt sehr düster klingen und ist es in Teilen auch, doch die Autorin schafft es mit einem grandiosen Sinn für Komik und Abgründiges stets die Balance zu halten und mischt in Rückblicken wunderbare Geschichten in Astas Vergangenheit. Wir treffen zum Beispiel einen koreanischen Koch mit Zahnschmerzen, begleiten Asta in einen abstrusen Urlaub in eine tunesische Ferienanlage und erleben eine skurrile Vernissage im damaligen West-Berlin.

Katja Lange-Müller liefert mit diesem Roman einen großartigen Beweis ihrer Erzählkunst und jedem, der sich ein wenig mit dem Thema „das Helfen und seine Risiken“ befassen möchte, kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

 


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Mein Buchtipp im November:

Ida Simons „Vor Mitternacht

€ 20,00 € (Luchterhand)

 

Antwerpen in den 1920er Jahren:

Als die zwölfjährige Gittel, die aus einfachen Verhältnissen kommt, zu der Bankiersfamilie Mardell eingeladen wird, weiß sie noch nicht, dass dies der Anfang vom Ende ihrer Kindheit ist. Gittel, die leidenschaftlich gern Klavier spielt, darf dort endlich auf einem Steinway-Flügel spielen. Immer häufiger verbringt sie ihre Zeit in dem vornehmen Haus und genießt die ernsthaften Gespräche und die Eleganz des großbürgerlichen Lebens, nur um danach wieder in die umtriebige Welt ihrer eigenen jüdischen Großfamilie zurückzukehren.

Der Vater ist ein blauäugiger Pechvogel, die Mutter regelmäßig auf dem Sprung, sich von ihrem erfolglosen Ehemann zu trennen und wenn sich Gittels Eltern wieder einmal heftig streiten, packt die Mutter ihren Koffer und fährt mit Gittel zu den Großeltern nach Antwerpen.

Und dort, in der riesigen alten Villa der pragmatischen - und herrlich skurrilen -  Großmutter, beginnt Gittels Geschichte. Sie ist noch ein argloses Mädchen, als sie Lucie kennenlernt, die erwachsene Tochter des jüdischen Bankiers. Zwischen dem Mädchen und der jungen Frau entsteht eine ungewöhnliche Vertrautheit. Bis Lucie ihre jüngere Freundin um einen Gefallen bittet, der Gittel überfordert. Die Entscheidung, die sie dann trifft, katapultiert sie mit einem Schlag aus ihrer Kindheit.

Ida Simons erzählt in einer heiteren, aber scharfsinnigen Sprache die Wirrungen und Irrungen einer Adoleszenz und das Durcheinander in der chaotischen jüdischen Großfamilie.

Eine großartige Wiederentdeckung! Denn Ida Simons schrieb bereits 1959 diesen wunderbaren (autobiografischen) Roman, der jedoch nach dem frühen Tod der Autorin in Vergessenheit geriet. In den Niederlanden wurde dieses schöne Buch 2014 wiederentdeckt und nun endlich auch ins Deutsche übersetzt.

 

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Mein Buchtipp im Oktober:

Sylvie Schenk „Schnell, dein Leben“

€ 16,00 € (Hanser)

 

Dieses Jahr scheint für mich das Jahr der fabelhaftesten Bücher zu sein – denn schon wieder hat mich ein Buch mit voller Wucht getroffen!

Sylvie Schenk erzählt in einer brillanten, klaren und schlichten Sprache die Geschichte einer Französin, die sich in den 1960er Jahren in einen Deutschen verliebt, der ebenso wie sie in an einer französischen Universität studiert. Es ist im Grunde genommen eine einfache Geschichte – die beiden heiraten, entscheiden sich für Deutschland als gemeinsamen Wohnort, ziehen in ein süddeutsches Dorf, sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben. Ein ganz normales Leben also, das seinen Lauf nimmt. Doch ganz normal eben doch nicht, denn stets steht die Last der deutsch-französischen Vergangenheit zwischen dem Paar und deren Familien.

Die Autorin schrieb – diesen wohl sehr autobiografischen Roman – so ausgesprochen berührend, jedoch nie sentimental und schafft es dabei, den Leser im Innersten zu erschüttern. Sie erzählt so großartig über die immerwährenden deutsch-französischen Probleme, die vielen unausgesprochenen Fragen an unsere Eltern und Großeltern und eröffnet uns einen sehr persönlichen Blick auf die Nachkriegszeit.

Und dieser Roman erzählt nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, sondern auch die Geschichte vom Erwachsenwerden eines Mädchens in einem französischen Alpendorf, von dessen Befreiung aus den konventionellen Zwängen der fünfziger Jahre und des Lebens zwischen zwei Kulturen und der Annäherungen der beiden Nationen – im Großen wie im Kleinen. Chapeau!

 

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Mein Buchtipp im September:

J.L. Carr „Ein Monat auf dem Land”

€ 18,00 € (Dumont)

Eine wunderbare Sommergeschichte!

Dieses schmale Buch ist so schön, so traurig und voller leiser Emotionen und ich bin bei dieser Lektüre so dermaßen in das Geschehen und diesen warmen Sommer eingetaucht, dass ich mehrere Tage lang kein neues Buch beginnen konnte – und das kommt bei mir nicht oft vor, dass ich Tage ohne ein Buch verbringe... Was habe ich also getan: Ich habe „Ein Monat auf dem Land“ nochmals von vorn gelesen!

Die Handlung versetzt uns nach England (Yorkshire) in einen heißen Sommer 1920. Ein junger Mann steigt in einem abgelegenen Dorf aus dem Zug und macht sich auf die Suche nach seinem Auftraggeber: der Pfarrer des Ortes hatte ihn als Restaurator für die alte Kapelle bestellt. Und wir als Leser begleiten diesen jungen Mann beim Freilegen des Freskos in der Dorfkirche, beim langsamen Herantasten an die Dorfbewohner und beim Verarbeiten der eigenen tragischen Geschichte, in der der Erste Weltkrieg, das Versehrtwerden und Verlassenwerden eine traurige Rolle spielen.

Diese immer wieder anklingende Melancholie wird jedoch von J.L. Carr vor einer unglaublich herrlichen, ländlichen Idylle erzählt und man spürt förmlich den Sommerwind und hört das Vogelgezwitscher bei Sonnenaufgang. Das alles könnte schnell ins Kitschige abgleiten – tut es aber niemals, denn der Autor beherrscht es phänomenal, den richtigen Ton zu treffen und den Leser damit genau ins Herz.

Ein kleines Meisterwerk und ein großer Lesegenuss, der lange, lange nachwirkt!

 

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Mein Buchtipp im August:

Vendela Vida „Des Tauchers leere Kleider“<

€ 9,95 € (aufbau)

Dieses schaurige und rasant erzählte Buch über den Identitätsverlust einer Frau hat mir schier den Atem geraubt, denn in der Tat atemlos konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe mich gefühlt wie mitten in einem David-Lynch-Film. Bei 250 Seiten hat mir das eine schlaflose Nacht eingebracht, aber dies hat sich absolut gelohnt!

Schon vom ersten Satz an ist man gebannt in das Selbstgespräch der Erzählerin verwickelt, die zu Beginn von ihrem Flug Miami-Casablanca berichtet und man ahnt bereits, dass sie entweder eine extrem neurotische Amerikanerin ist oder ein furchtbares Desaster erlebt haben muss.

Was zunächst wie eine Urlaubsreise anmutet, wird schnell zum totalen Verwirrspiel, denn gleich bei der Ankunft in Casablanca wird der Erzählerin ihr Rucksack mit Geld, Pass und Kreditkarten gestohlen. Auf der Polizeiwache bietet man ihr schnell einen aufgefundenen Rucksack an, der eindeutig nicht ihrer ist, doch sie greift zu und nimmt somit die Identität der anderen Besitzerin an. Und so nimmt die beklemmende und irrwitzige Geschichte ihren Lauf.

Man weiß nie, was Realität ist oder von der Erzählerin erfunden. Beiläufig erwähnt sie Dinge, von denen man unbedingt mehr wissen möchte, um diese Person zu verstehen, doch sie lässt den Leser immer wieder in die Irre geführt und ratlos zurück. Da hilft nur weiterlesen bis zum Schluss und das Ende der Geschichte ist tatsächlich genial und überraschend und vielen wird es gehen wie Miranda July, die in ihrer Rezension über dieses Buch schrieb: „Die letzte Seite las ich mit einem tränenreichen Seufzer.“

 

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Mein Buchtipp im Juli:

Elizabeth Poliner „Wie der Atem in uns

23,00 € (Dumont - erscheint am 19.7.16)

 

Was für ein großartiges, großartiges Buch!“ - so beschreibt die von mir sehr geschätzte Schriftstellerin Elisabeth Strout diesen Roman. Und wie recht sie hat! Das ist seit langem einmal wieder ein wunderbarer Familienroman, der mich restlos begeisterte!

Die Autorin versetzt uns ins Jahr 1948 an die Ostküste der USA und erzählt so eindrücklich und voller Wärme von einer jüdischen Großfamilie – den Leibritzkys – die sich alljährlich in einem Haus am Meer für die Sommermonate trifft. Alle sind in ihren Beziehungen miteinander verwoben und durch die jüdischen Konventionen verstrickt, und zwischen allen Familienmitgliedern besteht eine Art innige Hassliebe.

Von den beruflichen Zwängen des Familienunternehmens, über weggeschnappte Ehemänner bis zu identitätssuchenden Teenagern beleuchtet die Autorin diese Familie von allen Seiten und lässt uns tief blicken, als eine Tragödie allen eine enorme Schuld auflädt. Elizabeth Poliner erzählt dabei stets mit Tiefgang und Humor, was diesen Roman zu einer grandiosen Lektüre macht.

Schon am Anfang des Romans, der mit dem Ankommen und der jährlichen Inbesitznahme des Sommerhauses beginnt, möchte man am liebsten dort mit einziehen und beim Entstauben der sandigen Veranda helfen.

Ein fabelhaftes und herzergreifendes Buch, dass ich für diesen Sommer wärmstens empfehlen kann!

 

 

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Mein Buchtipp im Juni:

Juli Zeh „Unterleuten“

€ 24,99 € (Luchterhand)

 

Unterleuten – so benennt Juli Zeh fabelhaft doppeldeutig ihr fiktives Dorf in Brandenburg, das der Dreh- und Angelpunkt in ihrem großartigen Gesellschaftsroman ist.

Offen gestanden bin ich kein Freund von voluminösen Romanen mit über 600 Seiten... Doch Juli Zeh hat es geschafft, dass ich dieses schwergewichtige Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte!

Sie hat ihre Figuren so intensiv gezeichnet und eine enorme Spannung aufgebaut, die mich so dermaßen in den Bann gezogen hat, dass ich mitunter meinte, die Protagonisten persönlich schon lange zu kennen. Man entwickelt beim Lesen ständig Sympathien und Antipathien und wird immer wieder in die Irre geführt, wenn man meint, einen der Dorfbewohner durchschaut zu haben.

Diese Dorfbewohner, die sich aus schrulligen Originalen, hippen Stadtflüchtlingen, Naturschützern, Wendegewinnern und Wendeverlierern zusammensetzen, wollen im Grunde genommen wenig miteinander zu tun haben und sind doch alle in einer Weise verbunden durch ein Netzwerk, das im Laufe der Lektüre mehr und mehr sichtbar wird und eine alte totgeschwiegene Geschichte um einen Mord wieder an die Oberfläche treibt.

Der geplante Bau eines Windkraftwerkes mitten in die ländliche Idylle bringt letztendlich das ohnehin schon brodelnde Fass der zusammengewürfelten Dorfgemeinschaft zum Überlaufen.

Ein meisterhafter, lehrreicher und gesellschaftskritischer Unterhaltungsroman! Spannend und amüsant! Fesselnd und lebendig!


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Mein Buchtipp im Mai:

Sue Hubbell „Leben auf dem Land

22,00 € (Diogenes)

 

Das wohl erstaunlichste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe!

Sue Hubbell erzählt klar und humorvoll von ihrem Leben als Bienenzüchterin in den Ozark Mountains in Missouri/USA und begeistert den Leser mit ihrer erfrischenden Sprache und der lakonischen Sicht auf die großen Fragen des Lebens. Und ganz nebenher bekommen wir so allerhand über die Natur und ihre Lebewesen gelernt. Ich persönlich bin kein großer Freund von kleinen Krabbeltieren, aber ich war bass erstaunt darüber, dass es über 4000 Arten von Grasmilben gibt und sich Fledermäuse mit ihren Opfern - den Nachtfaltern - vor dem Verspeisen unterhalten.

Was zunächst wie eine Aussteigergeschichte beginnt – Sue und ihr Mann geben ihre gutdotierten Jobs in der Großstadt auf und ziehen Ende der 1970er Jahre nach Missouri, um sich eine Farm aufzubauen – wird mehr und mehr zur Über-Lebensgeschichte dieser außergewöhnlichen Frau. Denn sie ist es, die das Farmprojekt letztendlich allein bewerkstelligt, da ihr Mann allzu bald feststellt, dass er für das karge, entschleunigte Landleben nicht geeignet ist und zurück in die Stadt zieht.

Sue kümmert sich nun allein um 300 Bienenstöcke, die alten, maroden Farmgebäude und den ebenso altersschwachen Pickup, den sie mit Liebe, Geduld und Ersatzteilen vom Schrotthändler immer und immer wieder zum Laufen bringt. Und zwischen all diesen handwerklichen und anstrengenden Tätigkeiten findet sie immer Zeit und Muse, um mit einem guten Buch in der Hängematte zwischen den Bäumen hinter ihrer Farm zu schaukeln und das Blätterrauschen im doppelten Sinn zu genießen.

Ein wirklich außergewöhnliches Buch mit einer klaren, nie verklärten Sicht auf Flora und Fauna. Und das beste ist: Dieses Buch ist ein Jahrbuch der besonderen Art. Sue Hubbell teilt es in Jahreszeiten auf – es sind jedoch fünf Kapitel, denn es beginnt mit Frühling und endet mit Frühling – was kann es Schöneres geben!

 

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Mein Buchtipp im April:

Donatella Di Pietrantonio „Bella mia

18,95 € (Kunstmann)

 

Ein stiller Roman mit großer Wirkung!

Die Autorin beschreibt die Zeit nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen, bei dem die historische Stadt L´Aquila zum Großteil in Schutt und Asche gelegt wurde. Und auch Leben wurden zerstört - wie das der Erzählerin, die bei dem Beben ihre Zwillingsschwester verliert. Sie selbst überlebt und mit ihr der halbwüchsige Sohn ihrer Zwillingsschwester, der nun bei seiner Tante wohnt und voller Schmerz und Wut über den Tod der Mutter in seiner Tante zwar das Ebenbild seiner Mutter sieht, jedoch seinen Zorn über den Verlust der Mutter in störrischem Schweigen auslebt.

Eine großartige Geschichte in einer wunderbaren, klaren Sprache über Verlust und Neuanfänge, über Schmerz und Hoffnung und unendlich viel Zuversicht für zerbrechliche Beziehungen.

 


 

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Mein Buchtipp im März:

Emanuel Bergmann „Der Trick

22,00 € (Diogenes)

 

Emanuel Bergmann hat ein bezauberndes Romandebüt vorgelegt und schenkt uns eine bewegende, aberwitzige Geschichte voller Magie und Chuzpe, die man am liebsten ohne Unterbrechung in einem Zug bis zur letzten Seite durchlesen möchte. Also machen Sie sich auf eine langen Leseabend gefasst und lassen Sie sich verzaubern vom großen Zabbatini!

Die Geschichte beginnt im Prag der 1930er Jahre, als der „große Zabbatini“ noch der kleine jüdische Mosche war, der sich nichts sehnlicher wünschte, als seinem wenig schönen Elternhaus zu entfliehen und sich einem Zirkus anzuschließen.

Eine zweiter Erzählstrang steigt im Jahr 2007 in Los Angeles ein, wo ein kleiner Junge versucht, mit allerlei Mitteln die Trennung seiner Eltern zu verhindern. Seine letzte Hoffnung ist Zabbatini - von dem er durch Zufall auf einer angestaubten Schallplattenhülle gelesen hat – und er macht sich kurzerhand auf die Suche nach ihm.

Emanuel Bergmann ist ein hinreißender Erzähler und hat mich schon gleich zu Beginn des Romans verzaubert mit Sätzen wie:

Rifka musste nun ohne ihren Gatten zurechtkommen, was sich als bemerkenswert leicht herausstellte. Mit Verwunderung nahm sie zur Kenntnis, dass er im Sinne der Haushaltsführung vollkommen nutzlos gewesen war. Dennoch fehlte er ihr. Noch nie hatte sie etwas so Unnützes mit solcher Leidenschaft vermisst.“

 

 

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Mein Buchtipp im Februar:

Silvia Bovenschen „Sarahs Gesetz" 

19,99 (S.Fischer)

 

Zwei Lebensgeschichten – eine gemeinsame Erinnerung: Silvia Bovenschen beschreibt in ihrem neuen Roman das gemeinsame Leben mit ihrer Freundin, der Malerin Sarah Schumann. Die Autorin trägt eigene Erinnerungen und Sarahs Erzählungen zu einem bewegenden Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft zusammen. Eine Freundschaft, die bereits mehr als vierzig Jahre besteht und in der die wortkarge Sarah immer noch eine geheimnisvolle Fremde für Silvia ist.

Stets in einer klugen, feinen Sprache, der auch bei allem Kummer und Schmerz - den Silvia Bovenschen immer wieder durch ihre Erkrankung an MS erfährt - nie der Humor fehlt, erzählt sie von den „wilden“ Zeiten ihres Kennenlernens in den 70er Jahren, vom bewegten Leben in intellektuellen Kreisen, von Rebellionen und Fluchten zwischen Frankfurt, Hamburg und Berlin.

Silvia Bovenschen ist eine der besten Beobachterinnen der deutschen Kulturlandschaft und hat es wieder einmal geschafft, einen genialen Text vorzulegen, der mit wenigen Worten sehr, sehr viel zu sagen hat.

 

 

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Mein Buchtipp im Januar:

Rolf Lappert „Über den Winter

22,90 (Hanser)

Der Titel passt perfekt zur Jahreszeit und lässt uns gemeinsam mit dem Protagonisten Lennard Salm in Hamburgs eisiger Kälte erstarren. Rolf Lappert analysiert in seinem neuen Roman (der übrigens im Herbst auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand) das Leben eines Mannes mittleren Alters, der sich selbst gern als durch die Welt streifenden, einsamen Wolf sieht, jedoch durch den plötzlichen Tod seiner älteren Schwester von einer entfernten Insel – wo er als Foto-Künstler ein Projekt für eine Ausstellung in New York vorbereitet - zurück nach Hamburg reist und somit gezwungen wird, sich wieder mit seiner recht eigenartigen und zersplitterten Familie auseinanderzusetzen, vor der Lennard eigentlich geflohen ist, weil nur er um ein stets totgeschwiegenes Familiengeheimnis weiß.

Lennard trifft in Hamburg auf seine jüngere Schwester Bille, eine herzensgute, aber gescheiterte Kettenraucherin, die ständig ihre Jobs verliert und scheinbar beziehungsunfähig ist. Dann ist da noch Paul, der strebsame, aber blasse jüngere Bruder, der ebenfalls versucht hat, sich von der Familie abzunabeln - es aber nur bis in die nächstliegende Stadt geschafft hat - und der gebrechliche Vater, der blind zu werden droht und immer hilfloser wird. Lennards Mutter, eine kühle Frau (von ihm heimlich die "norwegische Königin" genannt) lebt in Florida, ist seit Langem vom Vater geschieden und reist nun auch anlässlich der Beerdigung ihrer Tochter nach Hamburg.

Der Autor erzählt in einer bildreichen Sprache von den Nöten und Sorgen des alltäglichen Seins, vom Versuch, dem zu entkommen und der doch immer wieder sich ergebenden Chance für Neuanfänge.

Ein großartiger Familien- und Künstlerroman!


 

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Mein Buchtipp im November:

Peter Richter „89/90

19,99 (Luchterhand)

 

Ein grandioses Buch über zwei entscheidende Jahre in der deutschen Geschichte. Und wenn Sie nun denken: „Ach... noch ein Wende-Roman...“, dann kann ich nur sagen: In meinen Augen der beste Roman zu diesem Thema!

Dresden im Sommer 1989. Peter Richter führt uns atemlos und gnadenlos direkt durch diese wirre Zeit zwischen Mauerfall, Wiedervereinigung und Währungsunion und schafft es dank der erfrischenden Sprache des 16-jährigen (sehr autobiografischen) Protagonisten aus diesem Werk keinen behäbigen geschichtsträchtigen Band zu machen, sondern einen Roman, der durch die pubertäre Unbekümmertheit des jungen Erzählers besticht und großes Weltgeschehen mit dessen Coming-of-Age einhergehen lässt.

Erinnerungsfetzen, Anekdoten und witzige Fußnoten (ja – man muss und will unbedingt erklärt bekommen, was „Schimmel-Jeans“ waren) bringen den Leser immer wieder zum Schmunzeln und genauso oft aber auch breitet sich ein mulmiges Gefühl aus, wenn man Peter Richter über die Kämpfe zwischen Punks und den sich in den Kellern der Plattenbauten formatierenden rechten Szene berichten hört.

Dieser Roman ist absolut großartig und zurecht stand er auf der Liste der zwanzig für den Deutschen Buchpreis nominierten Titel.

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Mein Buchtipp im Oktober:

 

Paula McLain „Lady Africa

19,95 (Aufbau)

 

Paula McLain erzählt uns die Biografie von Beryl Markham - einer unkonventionellen, schillernden und unerschrockenen Frau.

Beryl Markham war die erste Frau, die den Atlantik im Alleinflug überquerte und ist daher in erster Linie als Flugpionierin bekannt. Hier im Roman werden jedoch die Jahre vor dem phänomenalen Flug 1936 beleuchtet und wir werden ins Afrika des beginnenden 20.Jahrhunderts versetzt, wo Beryl ihre Kindheit und Jugend verbrachte.

Als Vierjährige zog sie mit ihrer Familie von England nach Kenia, um dort dem Traum des Vaters zu folgen und eine Pferdefarm zu gründen. Der Start in Afrika ist schwer und das Leben primitiv und voller Entbehrungen im Vergleich zum gewohnten noblen Leben der britischen Upper Class und Beryls Mutter tut nach kurzer Zeit das Unglaubliche: sie verlässt Kenia, um wieder zurück nach England zu ziehen. Das kleine Mädchen bleibt in der Obhut des Vaters in Afrika zurück, der allerdings seine ganze Kraft und Zeit in den Aufbau der Farm steckt und somit bleibt Beryl weitestgehend sich selbst überlassen.

Und hier beginnt dieses unerschrockene Mädchen seinen Weg ins Leben. Ihre Freunde sind Stammesangehörige der Nandi, Kipsigis und Kikyuo, die auf dem Farmgelände ansässig sind. Von ihnen lernt sie deren Sitten und Sprache, lernt Jagen und Spuren lesen. Für Beryl ist Afrika ein Paradies und eine Welt ohne Regeln, nichts darf sie einengen und auf Konventionen pfeift sie. Mit 16 Jahren ist sie bereits selbst Pferdetrainerin und versucht sich in der Männerdomäne der Clubs und Pferderennen durchzusetzen.

Paula McLain schreibt die Geschichte über diese faszinierende Frau in einer klaren und direkten Sprache und hat fantastisch recherchiert. Man spürt beim Lesen, wie ihr diese Person ans Herz gewachsen ist und persönlich hat es mich gefreut, im Buch auf Menschen zu treffen, die man aus „Jenseits von Afrika“ kennt, denn sowohl Karen Blixen als auch Bror von Blixen kreuzen Beryls Wege und ebenso Denis Finch Hatton, der in ihr die Begeisterung fürs Fliegen weckte und mit dem sie eine intensive Affäre hatte.



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Mein Buchtipp im September:

David Leavitt „Späte Einsichten

20,00 (Hoffmann&Campe)

 

Eine erstaunliche Geschichte zweier unterschiedlicher Paare, deren Wege sich 1940 in Lissabon kreuzen und verbinden.

Nichts bleibt, wie es war und alles ist plötzlich möglich, denn während Europa im Krieg versinkt, wartet man hier am Rande Portugals auf das nächste rettende Schiff nach New York und somit auf die Chance, mit zahlreichen anderen Flüchtlingen das brodelnde Europa zu verlassen.

"Das ist das Ende von Europa, deshalb tanzen sie, und auch Lissabon ist das Ende von Europa. Und alles, was Europa darstellt und bedeutet, ist in diesen Zipfel gepresst. Zu viel davon."

David Leavitt zeichnet ein eindrückliches Bild vom Lissabon um 1940 und beschreibt großartig die oft absurde Situation der vielen Wartenden auf die ersehnte Ausreise nach Amerika. Dahinein flicht er das Liebes- und Beziehungsgewirr der beiden Paare – quasi eine ménage à quatre mit fatalen Folgen.

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Mein Buchtipp im August:

Adam Soboczynski "Fabelhafte Eigenschaften"

€ 18,95 (Klett-Cotta)

 

Ein Künstler, der sich auf „Tiere am Strand“ spezialisiert hat und damit berühmt wird, ein Architekt, der gern berühmt werden möchte, doch stets wegen seiner zu ruhigen Art den Kürzeren zieht und eine kühle junge Frau aus gut situiertem Hause, die gern die Fäden in der Hand hat und dabei die Nase ein wenig zu hoch trägt – diese drei beginnen den Reigen durch unsere Hauptstadt in Adam Soboczynskis großartigem Roman.

Was wie eine Dreiecksgeschichte beginnt, ufert mehr und mehr in eine fantastische Verstrickung von weiteren Lebensläufen und Beziehungen und entwickelt sich zu einer grandiosen Gesellschaftssatire.

Mit sprachlicher Eleganz und subtilem Humor wird vermessen, wo die Grenzen zwischen Liebe und Verachtung, Kunst und Leben, Pose und Authentizität verlaufen. Eine vortreffliche Lektüre bei der jede Seite ein sprachliches Lesevergnügen ist und man folgt atemlos und schmunzelnd der Geschichte, die gnadenlos auf eine raffinierte Pointe zusteuert.

 

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Mein Buchtipp im Juli:

Hilary Mantel  "Von Geist und Geistern"

€ 19,99 (Dumont Verlag)

 

Selten hat mich eineBiografie so berührt wie diese, denn die Autorin hat es geschafft, ohne Sentimentalität von den Katastrophen ihres Lebens zu erzählen: Von irrwegigen ärztlichen Entscheidungen, die dem zerbrechlichen Mädchen das uns vom Buchcover anlächelt, den Körper mit absurden Medikationen ruinierten. Und sie erzählt vom Schreiben und ihrer Beharrlichkeit in dieser Kunst, die sie schließlich zur gefeiertsten Autorin historischer Romane in Großbritannien machte. Und sie schildert ihr Aufwachsen in einfachsten Verhältnissen und die Zwänge, denen sich das eigensinnige und träumerische Mädchen unterwerfen muss.

Diese außergewöhnliche Biografie liest sich wie ein Roman und Dank der exzellenten und klaren Sprache von Hilary Mantel (niemals wehleidig, sondern stets lakonisch) ist es ein großartiges Erlebnis, der Autorin durch ihr bewegtes Leben zu folgen.

›Von Geist und Geistern‹ zeigt das Bild einer Frau, die ihre Schwächen immer wieder in Stärken verwandelt hat. Ein Zeugnis, das Mut macht und staunen lässt.

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Mein Buchtipp im Juni:

Doris Knecht  "Wald"

€ 19,95 (Rowohlt Verlag)

 

Marian hat alles verloren. Alles – was ihr je wichtig war und was offensichtlich zum Status unserer schnelllebigen Zeit gehört.

Sie war gut situiert in der Großstadt, erfolgreich mit ihrer eigenen Firma, glücklich in ihrer Beziehung und anerkannt im großen Freundeskreis. Das alles zerplatzt quasi mit einem Schlag wie eine Seifenblase, als sie durch die Wirtschaftskrise in finanziellen Bankrott gerät. Schnell wenden sich die sogenannten guten Freunde und Geschäftspartner von ihr ab und Marian bleibt nichts übrig, als ein kleines, primitives Haus im österreichischen Waldviertel.

Sie zieht sich dorthin zurück und beginnt einen archaischen Überlebenskampf. Vor kurzem noch mit Designerpumps in glitzernden Bars unterwegs, muss sie sich nun selbst versorgen und am Leben erhalten. Sie fischt, wildert und stiehlt in Nachbars Gemüsegarten. Der reiche Grundbesitzer Franz versorgt sie zudem mit dem Nötigsten – nicht ganz uneigennützig übrigens – und im Dorf feindet man die Außenseiterin immer mehr an.

Eine starke, gefallene Frau mit dem Willen zum Neuanfang – in «Wald» findet Doris Knecht nicht nur einen unverwechselbaren Ton, sie erzählt auch auf mitreißende Weise davon, wie es ist, wenn man sein schönes Leben auf einen Schlag verliert.

Ich muss zugeben, ich habe einige Seiten gebraucht, um mich in diesen Roman hineinzufinden und mich mit der spröden Marian anzufreunden, doch die Geschichte hat mich zunehmend so in den Bann gezogen, das ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. In eindringlichem und ganz eigenem Ton liest sich der Roman wie eine lange Gedankenschleife über die Fragen unseres Lebens: Was zählt wirklich? Welche Lebensform ist die richtige? Was passiert mit uns, wenn der Lebensplan scheitert?

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Mein Buchtipp im Mai:

Eva Baronsky "Manchmal rot"

€ 19,95 (Aufbau Verlag)

 

Wer wäre man, wenn man nicht weiß, wer man ist? Eva Baronsky lässt in ihrem neuen Roman sehr geschickt zwei grundverschiedene Welten aufeinander prallen.

Das rein monetär ausgerichtete Leben eines Anwalt und das schlichte Dasein seiner Putzfrau geraten durch einen Unfall in ein bizarres Durcheinander. Denn während die Putzfrau Angelina nach einem Sturz mit Gedächtnisverlust-Folge auf der Suche nach ihrer Identität ist, muss sich der erfolgreiche Anwalt Christian von Söchting mit den im Ausland verstauten Millionen seiner Mandanten herumschlagen. Für ihn ist Geld nur bedrucktes Papier, für Angelina war die Überlegung, sich ein neues Wollknäuel zu kaufen bereits eine große Entscheidung. Angelina nutzt durch ihre Amnesie die Gelegenheit, sich neu zu erfinden und entwickelt ein Selbstbewusstsein, das Christian zunehmend fasziniert und verunsichert.

Die Autorin schenkt uns hier Unterhaltung auf hohem Niveau und lässt uns mit ihrer klaren Sprache atemlos und staunend die Geschichte der beiden ambivalenten Lebensentwürfe verfolgen.

 

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Mein Buchtipp im April:

Sibylle Berg "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand"

€ 19,90 (Hanser Verlag)

 

Sibylle Berg nimmt wie immer kein Blatt vor den Mund und beschreibt hier schonungslos die Irrungen, Wirrungen und Fatalitäten einer langjährigen Ehe.

Da die Autorin erfreulicherweise zugleich witzig und intelligent ist, schafft sie die Gratwanderung an der Schamgrenze und erklärt am Beispiel von dem seit zwanzig Jahren verheiratetem Paar Chloe und Rasmus den Realismus einer Ehe in den mittleren Jahren - beziehungsweise die diversen Varianten der jeweiligen Midlife-Crisis. 

 

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Mein Buchtipp im März:

Thomas Hettche "Die Pfaueninsel"

Kiepenheur&Witsch (19,99€)

 

Geschichtliches in exzellenter literarischer Form: Die Pfaueninsel bei Potsdam wird von 1810 bis 1880 durch Thomas Hettche meisterhaft beleuchtet. Er erzählt poetisch und berührend von Freud und Leid der Preußenkönige, die ein märchenhaftes Arkadien erschaffen wollen und dabei zu exotischen Tieren und Pflanzen gar Riesen, Mohren und Zwerge auf der Insel ansiedeln. Zwerge – wie das kleinwüchsige Schlossfräulein Marie, deren Lebenslauf sich durch die Historie der Pfaueninsel von der Blüte bis zum Verfall zieht.

Ein Roman in phantasievoller, eleganter Sprache über unsere Vorstellung von Schönheit – mit erschreckenden Abgründen.